Dresdner Erstaufführung

Georg Katzers »Medea«

Der mythologische Stoff um Medea existiert seit der Antike. Ovid, Euripides und Seneca erzählen ihn, seit der Renaissance wurde der Stoff immer wieder aufgegriffen, von Pierre Corneille (1635) und Luigi Cherubini (1797) zum Beispiel. Und auch im letzten Jahrhundert schufen Jean Anouilh (1946) und Neil LaBute (1999) bemerkenswerte Neufassungen. Letzterer verlegt die Handlung im Rahmen »Bash – Stücke der letzten Tage« als »Medea redux« in die Jetztzeit an eine amerikanische Highschool. Christa Wolf trug selbst den Roman »Medea – Stimmen« 1996 bei. Nicht nur in der Erzählweise und im Stil unterscheiden sich die Werke, auch die Blickwinkel, das Licht, das auf die Personen fällt, weichen voneinander ab.

Christa und Gerhard Wolf haben aus der Romanvorlage ein Libretto geschaffen, das die Rollen der Opfer und Täter prüft und die Frage stellt, ob es einen außer diesen beiden Positionen liegenden Standpunkt geben kann, ob Lösungen (gesellschaftlicher Konflikte) objektiv aus Wissen durch Antworten zu finden sind. Damit spitzen sie von Beginn den Konflikt zwischen Machthabenden und Außenstehenden zu.

Medea half ihrem Mann Jason, das Goldene Vlies zu finden. Nun soll Jason, die Macht des Königs von Korinth zu wahren, dessen Tochter Glauke heiraten. Diesem Plan steht Medea im Wege, ihn zu vereiteln muß Glauke sterben.

Das Libretto greift den antiken Stoff zwar auf, stellt aber nicht Glück oder Rache in den Mittelpunkt, sondern die Machtspiele, welche Medea zu durchschauen sucht. Nicht gemeinsinniges Handeln prägt das System, sondern die Bewahrung seiner selbst. Dazu gehören Menschenopfer, auch wenn sie als unsinnig erkannt sind, und sei es die Königstochter Iphinoe. Als sehende und hinterfragende ist Medea eine Fremde, trägt »den Kopf zu hoch in unsrer stolzen Stadt«. Sie wird als Wilde und schließlich als Hexe stigmatisiert.

Die Personenanlagen des Stückes betonen den dramaturgischen Gehalt. Es gibt keinen außenstehenden Erzähler, eine Handlung findet nicht statt. Der Text lebt unmittelbar von den Aussagen und Rückblicken der beteiligten. Leukon, zweiter königlicher Astronom (also auch Berater) sowie der Chor (das Volk) sind für Kommentare zuständig. Obwohl nicht unterteilt, besteht das Werk aus zwei Hälften: zunächst das »normale« Leben Korinths und die Vertuschung der Machenschaften (die Opferung Iphinoes), nach der Entdeckung des Geheimnisses die Bekämpfung und Vertreibung Medeas.

Georg Katzer hat das Stück musikalisch umgesetzt und ihm den Charakter eines »szenischen Oratoriums« gegeben. Die außergewöhnliche Perspektive der Geschichte unterstreicht die Musik: Ein normales, klassisches Orchester gibt es bei ihm nicht. Auf Violinen und Violen verzichtet Katzer ganz, einzig Celli und Kontrabässe tragen als Streicher bei. Ihnen stehen zahlreiche Bläser, ein Klavier und Schlagwerker zur Seite (Konzerthausorchester Berlin). Diese erzeugen fremde, teilweise verfremdete Klänge, doch findet man sich erstaunlich schnell in diese Tonwelt hinein, die maßgeblich durch die Sänger geprägt wird. Neben Neben Medea (Annette Markert, Alt), Jason (Markus Schäfer, Tenor), Akamas (Egbert Junghanns, Baß) und Glauke (Christina Roterberg, Sopran) fordert das Werk einen überdimensionalen Chor (Großer Chor der Singakademie Dresden und Berliner Singakademie). Zusätzlich gibt es die Sprechrolle des Leukon (Friedrich-Wilhelm Junge), der in der Stimmführung ebenfalls an die Musik angelehnt und ein starker dramatischer Gestalter ist.

Nur für Glauke hat Katzer zarte Klänge gefunden, die Reinheit und Unschuld symbolisieren. Sie ist an den Macht-Handlungen unbeteiligt, unwissend und wird zum Opfer. Doch auch Medea, treibende Kraft, kann auf die eingangs gestellte Rollenfrage keine glückliche Antwort finden. Dramatisch aufgeladen sind ihre Texte, eindringlich gestaltet von Annette Markert. Markus Schäfer zeigte Jason als Mitläufer, der am Ende am Ende das Unrecht erkennt und daran verzweifelt (?). Unbeugsam an der Macht festhaltend und zu keiner Empathie fähig war Egbert Junghanns‘ Akamas (erster Atsronom), Friedrich-Wilhelm Junge einmal mehr ein sehr starker Gestalter. Hochdramatisch waren aber auch die Volksmassen. Beide Chöre waren für sich befeindende Lager (Frauen- und Männerchor) zuständig gewesen. Einmal mehr erwies sich Ekkehard Klemm als kundiger und begeisterter Leiter – ihm gelang es, die zeitgenössische Musik nicht als exotisches Objekt vorzuführen, sondern in unserem hier und jetzt zu verankern. Zu Recht gab es großen Applaus für ausnahmslos hervorragende Solisten, Chöre Musiker und den anwesenden Komponisten!

12. April 2015, Wolfram Quellmalz

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