Gestreichelter Schumann, getupfter Mendelssohn, verirrter Piazzolla

Die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg und Martin Stadtfeld zu Gast in der Frauenkirche

Rückt man Mendelssohn in den Mittelpunkt, lassen sich Bezüge zu Mozart und Schumann leicht finden – Felix Mendelssohn wurde oft als Nachfolger des Salzburger Meisters gesehen, die Verbindungen zum Zeitgenossen Schumann ist durch zahlreiche Begegnungen und Briefe dokumentiert. Das Ganze in einen programmatischen Rahmen zu fassen, liegt da nahe. Zumal solche Konstellationen erlauben, Überraschungen zu bereiten, etwa, indem man ein »kleines« Werk eines großen Meisters aufs Programm setzt. Mozarts Oratorium »La Betulia liberata« (»Das befreite Bethulien« nach dem Judith- und Holofernes-Stoff) gehört mit Sicherheit dazu. Noch nah am Barock und im Charakter zwischen Oper und Oratorium angesiedelt, hat Mozart schon in der kurzen Ouvertüre des Stückes eine Stimmung mit dramatischen, aber auch mit Heldenmotiven geschaffen. Die Russische Kammerphilharmonie hatte in den knapp fünf Minuten diese dichte, aufgewühlte Atmosphäre erstehen lassen.

Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll ist ein Meilenstein der romantischen Musikliteratur, für viele DAS romantische Klavierkonzert. Martin Stadtfeld hat es jüngst mit dem Hallé Orchestra auf CD gebannt – nun ist er unterwegs, seine Interpretation in Konzerten vorzuführen. Die Akkorde des Beginns warf er (wie auf der Aufnahme) trocken und eruptiv ins Publikum – kein poetischer Beginn! Das Orchester, das in verhältnismäßig großer Kammerbesetzung antrat, erwies sich als geschmeidig. Es verschmolz mit dem Solisten, wie Schumann es wohl gewünscht hätte, zu einem gemeinsamen Körper. Dies vor allem, weil sich Martin Stadtfeld immer wieder zurücknahm, leise spielte und die Tasten eher streichelte, als sie anzuschlagen. Unter der Leitung Juri Gilbos arbeiteten Solist und Orchester vor allem die vielen dialogischen Partien heraus, die dem Werk innewohnen. Zu verfolgen, wie sich Klavier und Holzbläser, aber auch die Holzbläser untereinander, austauschten oder sich das Horn aus der Orchesterstimme erhob, war bereichernd. Allerdings erschien die Wahl des Tempos teilweise eigenwillig. Vielleicht wollten Martin Stadtfeld und Juri Gilbo die einzelnen Stimmen nicht in einem Klangmeer versinken lassen – manches geriet doch sehr zögerlich. Als Abschluß ließ Martin Stadtfeld noch einmal mit dem letzten Stück der »Kinderszenen« (auch auf der aktuellen CD erhalten) den Dichter sprechen.

In Felix Mendelssohn Bartholdys Italienischer Sinfonie war von Zögerlichkeit dann keine Spur mehr. Und auch hier, als so viele Musiker durch die Ecksätze des Werkes jagten, überschlugen sich die Stimmen nicht, waren im Gegenteil Stimmgruppen zu erleben und zu erkennen, die sonst oft im sinfonischen Gesamtklang verborgen bleiben. Das war wunderbar ausbalanciert, hatte Puls, Leben, konnte betören! Damit haben sich Dirigent und Orchester weit von Routine und Standardwerk entfernt – ein Erlebnis!

Zugaben des Orchesters erlebt man nicht oft, meist gibt es sie nur zu besonderen Anlässen, Fest- oder Gastspielen zum Beispiel. Die Russische Kammerphilharmonie hat nach dem nur etwa eineinhalb Stunden langen Konzert noch eine vorbereitet und dabei – schöne Idee! – dem Konzertmeister des Orchesters ein Solo gegönnt. Nur leider war der Weg von Mozart, Schumann und Mendelssohn zu Astor Piazzollas »Adios Nonino« nicht nachzuvollziehen. Zusammenhangslos wurde den Besuchern da ein Unterhaltungsstück vor die Füße geworfen, was den guten Konzerteindruck praktisch zerstörte. Warum hat man nicht noch ein »Entdeckerstück« ins Programm aufgenommen und auf die Zugabe verzichtet? Man sollte die Neugier des Publikums doch nicht unterschätzen…

11. April 2015, Wolfram Quellmalz

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