Dreimal Tusch – Bamberger Symphoniker begeistern mit Christoph Eschenbach und Martin Grubinger

Es war der letzte Tag der Dresdner Musikfestspiele in diesem Jahr – schade! Am Sonntagvormittag hatte sich eines von Deutschlands nobelsten Orchestern eingefunden. Herbert Blomstedt ist Ehrendirigent bei den Oberfranken, auch Christoph Eschenbach schätzt sie. Zu früher Stunde und mit einem außergewöhnlichen Solisten gab es im Publikum viele Jugendliche und Kinder.

Das Programm der Bamberger Symphoniker schien ungleich gewichtet, betrachtete man nur die Zahlen: Avner Dormans »Frozen in Time«, laut Programm nur etwa 25 Minuten lang, bildete allein den ersten Teil, nach der Pause folgten Béla Bartóks Konzert für Orchester SZ 116 und Maurice Ravels »La Valse«. Doch dann kam er – Martin Grubinger. Für den österreichischen Schlagwerker und Perkussionisten hatte Dorman »Frozen in Time« geschrieben. Seit seiner Uraufführung 2007 ist es bereits viel gespielt und auch von anderen Musikern übernommen worden – warum, das konnte man am Sonntag in der Semperoper erleben. Weil es elektrisierend ist, weil es Rhythmus hat, aber klassischen Linien folgt, weil die drei klar getrennten Sätze einem dramaturgischen Aufbau folgen. Es ist weder eklektizistisch noch eine »Kopfgeburt«. Martin Grubinger hatte alle möglichen Trommeln, Marimbaphone, Xylophone, Glockenspiele und vieles mehr um sich versammelt. Um sich – an allen vier Seiten. Außen ein riesiger Spiegel, damit er den Dirigenten immer im Blick haben kann. Improvisation schien hier nicht gefragt, vielmehr die Suche nach Perfektion. Dormans Werk gewinnt nicht allein durch eine mitreißende Rhythmik, sondern auch dadurch, daß jeder Schlägelschlag im Sinne der Musik steht – keine wilde Virtuosität. So werden Instrumente auch nicht permanent hektisch gewechselt, sondern (fast) jeder Teil eines Satzes ist auf eine bestimmte Gruppe der Schlagwerkzeuge ausgerichtet. Damit entwickelt jeder Satz seinen eigenen Duktus, bildet die Erdkontinente aus dem Urkontinent musikalisch nach. Martin Grubinger war stets der Solist, der die Melodie entwickelte, den das Orchester begleitete. Melodien aus Schlagwerken – im allgemeinen setzen diese Instrumente Akzente zu einer vom Orchester vorgegebenen Musik, bei Avner Dorman nicht.

Martin Grubinger eilte mit fünf, sechs Schlägeln über die Glöckchen, Hölzchen, Trommeln, wirkte dabei aber niemals gehetzt, an der Grenze. Christoph Eschenbach führte Solist und Orchester präzis zusammen – phantastisch. Wohlgemerkt: das war ein klassisches Stück, kein Grenzgang zwischen den Genres. Ansteckend war es auch – war da jemand nicht begeistert? Martin Grubinger bedankte sie für den Beifallssturm mit »Planet Rudiment« auf der »Pipe Drum« genannten kleinen Trommel. Das sei keine Musik, meinte er, sondern Sport. Wow! Die Schlägel schenkte er danach einem jungen Fan im Parkett.

Vierzig Minuten, nicht 25 hatte der erste Teil gedauert, nun brauchten alle die Pause.

Mit Béla Bartóks Konzert ging es dann in der Zeit ein wenig zurück, trotzdem war man mit dem 1944 uraufgeführten Stück noch sehr modern. Bartók hatte eine alte Form des Konzertes wiederbelebt: was im Barock noch Standard gewesen ist, ein Konzert mit vielen, aus dem Orchester stammenden Solisten, war im 20. Jahrhundert längst anderen Formaten gewichen. Doch Bartók hat nicht einfach versucht, altes neu zu beleben, sondern das Konzert in seiner Zeit verankert. Er kombinierte Trommeln und Holzbläser, löste einen Posaunenchor heraus, formte Blöcke. Christoph Eschenbach und die Bamberger Symphoniker entwickelten aus dem Stück viel Strahlkraft – auch Bartók kann begeistern.

Ravel sowieso. Sein »La Valse« ist eine Persiflage, übersatt an Melodien, triefend in seiner Üppigkeit, schräg und überzeichnet kündet er vom Ende einer Epoche. Da stimmen die Konzertmeister klassische Wiener Walzerseligkeit an, auf welche die Bläser im Stile eines Caféhausorchesters antworten, immer grotesker wird das ganze, immer wilder. Christoph Eschenbach zeichnet Ravels Musik klar, aber keineswegs nüchtern, sondern läßt sie kulminieren, bersten.

Drei Stücke, dreimal Begeisterung am letzten Tag der Musikfestspiele – ach, schade…

8. Juni 2015, Wolfram Quellmalz

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