Heinrich Schütz Musikfest nach Eröffnung auch in Dresden zu Gast
Die Hamburger Ratsmusik wurde nicht zufällig als artist in residence eingeladen oder weil Heinrich Schütz vermutlich auf seinen Reisen nach Kopenhagen an der Elbestadt vorbeigekommen ist, sondern weil sich das Ensemble seit vielen Jahren um die Alte Musik verdient macht. Und das nicht nur – wie sich Besucher in der Annenkirche am Sonnabend überzeugen konnten – mit hervorragenden Aufführungen und Interpretationen, sondern auch bei der Entdeckung und Erschließung von Werken. Denn Simone Eckert, Gambistin und Leiterin der Hamburger Ratsmusik, ist als Musikwissenschaftlerin und -forscherin tätig. Und so wußte sie zum Konzertprogramm manche Ergänzung beizutragen, etwa, daß Heinrich Schütz ganz sicher in Hamburg gewesen sein muß. Schließlich war Schütz ein gewissenhafter Netzwerker, nicht zuletzt lebten einige seiner Schüler, darunter Matthias Weckmann, in Hamburg.

Das Ensemble Hamburger Ratsmusik in der Dresdner Annenkirche, Photo: HSMF, © Ronald Bonss
Manches im Konzert klang dennoch englisch, konnte man meinen – und lag dabei richtig. Denn Hamburg ist durch die Elbe nicht nur mit der (heutigen) Partnerstadt Dresden, sondern auch mit der Nordsee und der Welt verbunden. Hamburgs englische Note findet sich nicht nur beim Tee, sondern ebenso in der Musik. John Dowland war mehrfach zu Gast, William Brade, auf der Violine wie der Gambe ein Virtuose, blieb. Seine »Der Königinnen Intrada« war eine festliche Eröffnung, ein gravitätischer Einmarsch der Musik sozusagen, der sogleich einen der Vorzüge der Hamburger Ratsmusik offenbarte: die Variabilität. Denn das Ensemble, hatte sich schon zur Eröffnung am Vortag in der Marienkirche Gera gezeigt, kann nicht nur instrumental als kleines Orchester auftreten und gleichermaßen gut Sänger begleiten, es ist in der Lage, die Besetzung anzupassen, verinnerlicht und schlank klingen oder opulent und glänzend, harmonisch gediegen oder effektvoll funkelnd. Neben Simone Eckert übernahmen Christoph Heidemann (Barockvioline) oder die auf vielen Tasteninstrumenten versierte Anke Dennert (diesmal: Continuoorgel) führende Rollen. Nachdem tags zuvor noch die Passacaglia immer wieder durchklang, wurde die Annenkirche vor allem vom gediegenen Klang verschiedener Paduanen (Pavanen) erfüllt. Das Programm blieb selbst in den Daten innig gebunden: Johann Schop, ein Reisegenosse Heinrich Schütz‘, traf auf Johann Theile, einen Heinrich-Schütz-Schüler, aber auch John Dowlands Themen blieben immanent. Reizvoll unter anderem Johann Sommers Paduana »Susanna un jour«, der Dowlands Galliard à 5 folgte. Die Galliard, wiewohl sie in der Folge wie die flinkere, verzierte Variation der Paduana schien, war dabei Sommers Vorlage gewesen. Den effektvollen großen Besetzungen standen die kleineren nicht nach. Im Gegenteil durften sich Gambenfreunde sogar über mehrere Teile reiner Consort-Musik mit dem Quartett der Hamburger Ratsmusik freuen.

Die Gambengruppe der Hamburger Ratsmusik, Photo: HSMF, © Ronald Bonss
Insofern fiel es dem Ensemble offenbar leicht, Solisten zu begleiten. Ob schlicht mit Laute und Orgel oder mit größerer Besetzung – Sopranistin Cornelia Samuelis fand in Johann Theiles »Ach, daß ich hören sollte« oder Franz Tunders wunderschönem Geistlichen Lied »Ach Herr, laß deine lieben Engelein« eine sichere Unterstützung. In der Emphase manchmal etwas weit ausfahrend, setzten Cornelia Samuelis und die Hamburger Ratsmusik bei Heinrich Schütz‘ »Erbarm dich mein« (SWV 447) in Programmmitte einen noblen Ruhepunkt.

Sopranistin Cornelia Samuelis und die Hamburger Ratsmusik, Photo: HSMF, © Ronald Bonss
Interessant war der Besuch der artist in residence aber auch, weil es zwei Dresdner Erstaufführungen gab – interessant schon im Vergleich mit der am kommenden Sonnabend auf dem Programm stehenden Oper »Dafne«. Der englische Zinkenist und Alte-Musik-Spezialist Roland Wilson hat versucht, die verlorengegangene Musik dafür zu rekonstruieren. Marta K. Kowalczuk (»Four clouds«) und Martin Denoso Vera (»Allá, donde sea que eistés«) gingen einen anderen Weg und schrieben Neue Musik für alte Instrumente. Während Marta K. Kowalczuk Zeitschleifen, Metamorphosen oder Zeitepisoden zu beschreiben schien, formulierte der chilenische Student Martin Denoso Vera einen Nachruf (»Wohin Du auch immer gehst«) für eine Verwandte.
8. Oktober 2023, Wolfram Quellmalz
Das Heinrich Schütz Musikfestes findet noch bis zum 15. Oktober statt.