Wie lange muß Gabriel nun brummen?

Studioproduktion der Opernklasse mit einem Ausschnitt aus Johann Strauss‘ »Fledermaus«

War das nicht eigentlich unzeitgemäß? Die Opernklasse der Musikhochschule von Susanne Knapp lud am Wochenende zu einer Studioproduktion auf die Probebühne. Auf dem Programm standen Ausschnitte aus Johann Strauss‘ Operette »Die Fledermaus«. Gewöhnlich spielt man das Stück doch zu Silvester oder während der Faschingszeit – paßt es denn in den März? Natürlich – uraufgeführt wurde »Die Fledermaus« schließlich an einem Ostersonntag 1874. Warum also nicht?

Im Gegenteil, es war schade, daß es nur zwei Vorstellungen und nur Szenen aus dem ersten Akt gab, denn was Jan-Richard Kehl (Professor für Szenischer Unterricht der HfMDK Frankfurt) in seinem Workshop als Gast erreichte, war überzeugend! Zwei Wochen hatte er mit Holger Miersch von der HfM (Vokalkorrepetition) und mit sieben Sängerinnen und Sängern geprobt, sie zu einem kleinen Ensemble geformt, dem spontaner Witz ebenso innewohnte wie es ein Orchester und einen Chor ersetzten konnte. Denn weil diese nicht zur Verfügung standen – in Probe- bzw. Studioproduktionen gibt es nur ein Klavier – mimten die nicht an der Szene beteiligten Sänger auch einmal mit der Stimme tremolierende Instrumente oder gaben ein Chorecho. Selbst Holger Miersch, dessen Rolle sonst eigentlich im Begleiten, Verbessern und Beraten besteht, war in den Ablauf und Gesang eingebunden, staunte Susanne Knapp über die völlig neue Aktionsfläche ihres Kollegen. Als Pianist mußte er versuchen, Geld einzusammeln und Kommentare geben, aber auch glaubhaft zurückschrecken, wenn eine Sängerin im Aufruhr ihm den Klavierdeckel auf die Finger warf – natürlich nur fast (wie gut, daß ausreichend geprobt worden war!).

Streit im Hause Eisenstein: Gabriel (András Adamik), Advokat Blind (Chao Wang) und Rosalinde (Lisa Trentmann), Photo: HfM Dresden, © Clarissa Kanske

Wie bei Studioproduktionen üblich, gab es kaum Requisiten. Natürlich ein paar Kostümteile und den Raum selbst sowie seine Umgebung. Alfred, gesungen von Kyle Faeron-Wilson, ein Verehrer und in dieser Inszenierung ehemaliger Sängerkollege von Rosalinde, trällerte seine »Täubchen, das entflattert ist« frech und laut vor dem Haus Gabriel von Eisensteins, also im Flur vor dem Probensaal. Noch frecher gebärdete er sich im Hause Eisenstein, während sich die Damen – Lisa Trentmann schwankte als Rosalinde zwischen Gattentreue und Hingerissensein für den Tenor, Nadja Toliou als Adele, die ihre Trauer um eine nicht vorhandene Tante steigerte, um sich einen freien Abend zu erwirken – aus höchst unterschiedlichen Gründen aber mit doch recht ähnlichen Motiven immer künstlicher inszenierten. Letztlich wollten alle abends auf den gleichen Ball, nur eben heimlich, unerkannt und mit falscher Identität.

Dicke Luft: Alfred (Kyle Faeron-Wilson) steht kurz davor, fälschlicherweise von GefängnisdirektorFrank (Joschua Vlasanek) arretiert zu werden, Rosalinde (Lisa Trentmann) muß es geschehen lassen, Photo: HfM Dresden, © Clarissa Kanske

Damit das auch planmäßig schiefgeht, brauchte es ein paar »Spielverderber«: Xiang Li als Künstlerin Ida mit viel Glamour, Chao Wang als unfähiger, aber buchstabengetreuer Advokat Blind und Joschua Vlasanek als gesetzestreuer Gefängnisdirektor Frank. Blind vermasselte Gabriel von Eisenstein eine Gerichtsverhandlung, so daß er acht statt fünfer Tage ins Gefängnis muß, Frank wollte den Malefikanten zum Arrest abholen – da war er aber längst weg, fesch aufpoliert und bester Laune hatte er sich in Richtung Gefängnis begeben. Das zumindest sagte Gabriel (András Adamik) seiner Frau.

Dozenten müssen mitspielen: Holger Miersch mußte mehr als nur begleiten, Adele (Nadja Toliou) sieht, wie ihre Freundin Ida (Xiang Li) den Hausherren (András Adamik) umgarnt, Photo: HfM Dresden, © Stefanie Pilz

Ein wenig aufgeregt (»spinnert« sagen die Österreicher) waren sie alle. Aber gekonnt, denn alles, was so leicht und lustig wirkt, ist in der Regel exakt geprobt. Und allein den Rollenklischees von 1874 zu schlüpfen, reicht nicht aus. Dem Ensemble gelang es aber, jeder Figur eine persönliche Note zu verleihen und den Ablauf spritzig zu gestalten. Und flexibel – ein bißchen Wagner (incl. »Mein lieber Schwan«) gehörte ebenso dazu wie eine Boogy-Woogy-Einlage von Kyle Faeron-Wilson sowie Herman Hupfelds »As time goes by«.

Stimmlich fanden sich die sieben Akteure gekonnt ins Spiel (denn außer Emotionen will der Text transportiert werden, sonst geht der Witz verloren), vor allem aber war die maßvoll überzogene Gestaltung köstlich – eigentlich schade, daß es nur ein bißchen 1. Akt gab. Denn ob dieses Tempo, diese Pointendichte über das ganze Stück gehalten hätte, wäre doch interessant zu erleben gewesen. Und vor allem: nun sitzt Alfred, der ob seines frechen Einschleichens wegen für den Hausherrn gehalten und als Gabriel von Eisenstein abgeführt wurde, bis auf weiteres im Gefängnis.

10. März 2025, Wolfram Quellmalz

In der Jahresproduktion präsentiert die Opernklasse der HfM Udo Zimmermanns »Weiße Rose« (Fassung von 1967), Premiere am 12. April https://www.hfmdd.de

Hinterlasse einen Kommentar