Udo Zimmermanns »Weiße Rose« mit Studenten am Kleinen Haus
Denkt man an den Namen »Weiße Rose« in der Oper, fällt den meisten die Kammeroper von Udo Zimmermann ein. Sie ist mit vielen Aufführungen in Ost und West erfolgreich, machte den Komponisten berühmt und war in Dresden zuletzt 2022 auf Semper Zwei zu erleben. Doch diese Fassung entstand erst in den achtziger Jahren. Ausgangspunkt war »Ein Stück Musiktheater« mit dem gleichen Titel von 1967, damals die Diplomarbeit eines jungen Komponisten, dessen Werke – da war Zimmermann gerade Anfang zwanzig! – bereits von Staatskapelle und Philharmonie uraufgeführt worden waren. Die Urfassung der »Weißen Rose« überarbeitete Udo Zimmermann für eine erste Aufführung in Schwerin ein Jahr später. Seine Diplomarbeit ist seit 1967 wohl nicht mehr erklungen – mit dem vergangenen Sonnabend hat sich das aber geändert.
In ihrer Jahresproduktion hat die Opernklasse der HfM Dresden das Stück in gewohnter Kooperation mit der HfBK auf die Bühne gebracht. Dabei stand das Regieteam (Inszenierung: Opernklassenleiterin Susanne Knapp, Musikalische Leitung: Franz Brochhagen) vor der Frage, wie dieser Stoff mit den teils kraß beschriebenen Szenen heute zu vermitteln sei – zuerst den Beteiligten. Denn anders als an einem gängigen Opernhaus gibt es an der HfM keine langfristigen Inszenierungspläne mit interessanten Stücken. Vielmehr ergeben sich die Aufführungen aus aktuellen Anregungen und Möglichkeiten, oder wie Franz Brochhagen sagt: »Wir suchen nicht die Stücke aus, die Stücke suchen uns«. In diesem Fall standen zwei Sopranistinnen aus Südkorea zur Verfügung – wie könnten sie glaubhaft Sophie verkörpern? Susanne Knapp entschied sich für die Form des Epischen Theaters, das erzählende und dramatische Elemente verbindet, statt sich als »wahre Geschichte« darzustellen, bei denen die Darsteller mit der Rolle eins werden.

Das gelingt erstaunlich gut und bleibt doch »greifbar«: eine Gruppe junger Leute schaut sich (vielleicht im Geschichtsunterricht) ein Bild mit Ruinen und einem Leichenberg davor an. Mit der Zeit werden sie unruhig, unaufmerksam. Aus dem »Unterricht« wechselt die Perspektive, als alle buchstäblich in die Rollen von Hans und Sophie Scholl, von Alexander Schmorell, aber auch eines jüdischen Mädchens und eines SS-Arztes schlüpfen. Dieses Konzept trägt: so wie sich alle auf der Bühne eine andere Jacke überziehen (Kostüme: Sara Migliorati, Sina Brandner und Kira Mathis), schieben und drehen die Sänger Kulissen (Isabell Techel und Marie Waltemode). Beide Seiten, die emotionale der Personen und des Erlebens, und die rationale des Schilderns und Vermittelns, bleiben während des Abends präsent. Das könnte gerade für die Pädagogik gut sein – wie immer gehören zwei Schulaufführungen zur Jahresproduktion.
Trotzdem wirkt die Aufführung etwas nüchtern und greift nicht so an wie beispielsweise die Fassung der Kammeroper. Als »Brücken« und um zwischen den Szenen teils heftigen Inhalts Momente zu schaffen, zur Ruhe zu kommen, ist auch diese »Weiße Rose« – trotz Urfassung – ergänzt. Die Komponistin Ji-Young Yoo von der HfM hat Chorinterventionen eingefügt, um dem Schmerz Ausdruck zu geben oder die Zuhörer direkt anzusprechen, einzubeziehen.

Der Abend der A-Premiere (wie immer gibt es für die Jahresproduktion zwei gleichwertige Besetzungen) überzeugte mit bereits ausgefeilten Darstellungen, vor allem von Nico Lindheimer als Hans Scholl, Jonathan Koch (Alexander Schmorell), Hanna Park (Sophie Scholl) und Alexander Rampp (Professor Huber) aber auch Felix Kober (Willi Graf) und Meiling Daniell-Greenhalgh (Anette). Udo Zimmermanns Musik lebt nicht davon, die großen Gefühle auszuleben, sondern auf schmalem Grat darzustellen. Das gelingt dem Hochschulsinfonieorchester sehr gut, womit die Personen auf der Bühne individuell wirken können. Die kleinen Gesten und Gelegenheiten, dies emotional zu füllen, nutzen sie durchaus, vor allem Nico Lindheimer und Jonathan Koch.
Die Inszenierung bietet in ihrer Zweiseitigkeit immer wieder Anreize, selbst wenn es oft nur kleine Details sind wie ein Lichtgitter (für das Gitter vor dem Gefängnisfenster) auf dem Boden oder die Schreibmaschinenschrifttypen von historischen Dokumenten für die Übertitel. Auf andere symbolhafte, aber zu oft gebrauchte Details, Naziuniformen etwa, verzichtet die Produktion.
Gerade durch die Erzählform und die nicht rein szenische Fassung bleiben manche Figuren und Szenen dennoch etwas nüchtern, die Anreicherung mit Querverweisen (bis zu Anne Frank) und der starke Impetus, den Einzelnen anzusprechen und an seine Verantwortung zu erinnern, wirken dadurch letztlich ein wenig lehrbuchhaft. Die zu vermittelnde Botschaft dürfte jedoch ankommen.
13. April 2025, Wolfram Quellmalz
Noch einmal heute sowie am 25. und 29. April und im Mai: Udo Zimmermann, »Die weiße Rose«, HfM Dresden / Kleines Haus https://www.hfmdd.de