Kammerchor ad libitum Dresden in der Kreuzvesper
Der Kammerchor ad libitum war uns schon ein paarmal in den Vespern oder bei der Striezelmarktmusik der Dresdner Kreuzkirche aufgefallen, zuletzt in der vorletzten Adventszeit. Der an sich kleine Chor (am Sonnabend kamen zehn Stimmen) setzt ganz bewußt auf erfahrene Sängerinnen und Sänger. Da könnte man auch einen erfahrenen oder etwas älteren Klang erwarten, aber im Gegenteil muß man sagen, feststellen, anerkennen, daß ad libitum hinsichtlich Vitalität und Chorklang ein geradezu verblüffendes Ergebnis offenbart! Es scheint, als wäre mehr als Ambition, Freude und Fleiß im Spiel – wie so manches Mal steht das »i. R.« von KMD Gottfried Trepte wohl nicht für »in Ruhe«, sondern »in Richtung« und ein zielgerichtetes, beständiges Arbeiten. Denn die Kreuzvesper vor dem zweiten Sonntag nach dem Christfest war zum kalendarischen Beginn des Jahres eine aufrührende, mitreißende!

Das gilt – von der ersten Note an, also ohne einen Moment des sich-finden-müssens – in der Programmauswahl und -zusammenstellung ebenso wie in der gebotenen Qualität. So griff Thomas Luis de Victoria in seinem Nunc dimittis (Herr, nun läßt du deinen Diener) auf die Tradition der Gregorianik zurück. Die vorangesetzten gregorianischen Passagen gelangen ebenso wie die Verbindung zum fortlaufenden Text in de Victorias Komposition. Und es zeigte sich: der an sich kleine Chor erreicht einen erstaunlich geschlossenen Klang – eben wie ein richtiger Chor, nicht wie ein aus Sängern zusammengesetztes Vokalensemble. Schon die Aufstellung, links mit Alt beginnend, dann Sopran, Baß, Tenor, schien ungewöhnlich. Im leichten Bogen stehend waren sich die Chormitglieder stärker zugewandt als in einer Linie nebeneinander, realisierten im großen Schiff der Kreuzkirche aber trotzdem eine ansprechende Gegenüber-Situation mit der Gemeinde.
In Felix Mendelssohns hellem »Jauchzet dem Herren alle Welt« durften sich die Stimmen vereinzelt hervortreten, blieben aber im Text und Sinn verbunden, auch gab es keine – was leicht passiert – einseitige, übermäßige Betonung. Das beschwingte Cantate Domino von Vitautas Miskinis verstärkte diesen Eindruck noch. Und wer über so einen guten Klang verfügt, der kann ganz ohne aufgesetzte Effekte auf die Ausgewogenheit vertrauen, wie in Heinrich Schütz‘ »Also hat Gott die Welt geliebt«.
Natürlich gehören Gestaltungsmerkmale, die die Aufmerksamkeit lenken, dennoch dazu. Dmitri Bortniansky, der weit mehr geschrieben hat als das beliebte »Ich bete an die Macht der Liebe«, ließ den Gloria-Hymnus »Ehre sei Gott in der Höhe« nicht allein sinnend fließen, sondern fokussierte auf Worte wie »Herr«. Doch Gottfried Trepte verließ sich nicht allein auf solche Hervorhebungen und gestaltete einen dynamischen Verlauf, nutzte ein feines Chorpiano – ein Chor ohne wirklichen Klang wäre dabei verloren!

Dr. Wolfram Hoppe war kurzfristig für den erkrankten Kreuzorganisten Holger Gehring eingesprungen und ließ Dieterich Buxtehudes Choralfantasie »Wie schön leuchtet der Morgenstern« (BuxWV 223) durch die Kirche klingen, bevor in Arvo Pärts Magnificat, welches den Bässen kleine Schönheitsvorteile einräumte, eine besondere Spannung erzeugte. »O magnum mysterium« von Morten Lauridsen wiederum profitierte vom gemessenen Tempo und erneut dem tragfähigen Chorpiano.
László Halmos‘ Jubilate Deo konnte sich nach dem Wort zum Sonntag (Superintendent Christian Behr) beschwingt und froh entfalten, bevor mit Felix Mendelssohn einer der innigsten Wünsche derzeit, »Verleih uns Frieden«, formuliert wurde.
4. Dezember 2026, Wolfram Quellmalz
Am kommenden Sonnabend schließt der Dresdner Kreuzchor mit den Kantaten vier bis sechs aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium den Kreis der Weihnachtsfesttage ab.