Keine Rettung – Karthago brennt

Wegen der vorrangigen Berichterstattung für die Tageszeitung erscheint dieser Artikel aus dem vergangenen November mit etwas Verspätung

Ausgrabung »Didone« am Theater Meiningen

Im kommenden Jahr [also 2026, nachträgliche Einfügung der Redaktion] feiert Meiningen den 200. Geburtstag von Herzog Georg II. Das Staatstheater Meiningen hat dafür ein Juwel aus dem eigenen Bestand ausgegraben: Libretto und Musik zu Domenico Sarros »Didone abbandionata« (Die verlassene Dido) befinden sich im Max-Reger-Archiv der Stadt, der Sammlung Musikgeschichte, die im Schloß Elisabethenburg untergebracht ist. Vor einigen Jahren hatte man mit Kostproben daraus den Publikumsgeschmack gekitzelt, jetzt kam die Oper in einer vollständigen Fassung auf die Bühne.

»Vollständig« ist allerdings relativ. Zur Zeit der Uraufführung (1724) war »Didone abbandionata« ein den Nachmittag und Abend füllendes Spektakel, bei dem noch in der Pause – wie üblich – ein Intermezzo gespielt wurde, also ein weiteres Theaterstück ohne Bezug zu Didone – Gesamtspieldauer: über sechs Stunden! Regisseur Dietrich W. Hilsdorf und sein Dramaturg Bernhard F. Loges haben das Intermezzo weggelassen und eine Strichfassung auf Basis der Aufführung von 2005 erstellt (an der noch der Musikwissenschaftler Ludger Rémy mit seinem Ensemble Les Amis de Philippe beteiligt gewesen war), die es auf zwei Stunden und 40 Minuten bringt. Sie trägt das wesentliche musikalische und dramaturgische Material, weggefallen ist unter anderem eine Schlachtenszene mit einhundert Statisten.

Hofstaat mit Würde? Osmida (Hannah Gries), Didone (Lubov Karetnikova) und deren Schwester Selene (Monika Reinhard), Photo: Staatstheater Meiningen, © Christina Iberl

Für den Komponisten und seinen Librettisten Pietro Metastasio bedeutete »Didone« 1724 den Durchbruch, es waren ihre jeweils ersten Werke, die zu weiteren führten, auch wenn der Name Domenico Sarros in der Folge von anderen in den Hintergrund gedrängt wurde. Metastasio dagegen ist bis heute berühmt. Allein sein Libretto zu »Didone« wurde mehr als 60 Mal (!) vertont.

Der Ausflug, die Rarität zu erleben, lohnt, schon weil ihr Augenmerk ein so anderes ist als bei Henry Purcells »Dido et Aeneas«, der mit Nathum Tate (Text) 35 Jahre zuvor seinen Blick ganz auf die beiden Liebenden gelenkt hatte. Metastasio bleibt dramaturgisch dichter an der Vorlage (Vergils Aeneis), das heißt Gegenspieler, Schwester und Verbündete wie Jarba, Selene und Araspe haben dem Liebespaar gegenüber gleichwertige Rollen, außerdem hat Metastasio die Figur des Osmida, eines Vertrauten Didos, hinzugefügt.

Verzweifelte Situation: Enea (Meili Li) steht zwischen der staatlichen Macht (Hannah Gries als Osmida) und der Vertrauten Didos (Monika Reinhard als Selene) zwischen den Fronten, Photo: Staatstheater Meiningen, © Christina Iberl

Karthago nach der Ankunft von Aeneas – Dietrich W. Hilsdorf (Bühne) und Christian Rinke (Kostüme) haben eine Umgebung in der antiken Auffassung zur Zeit der Uraufführung entworfen. Im Hintergrund sind Paläste und das Meer zu sehen, links bricht diese Kulisse scheinbar ab – Garderoben erinnern an das »Theater auf dem Theater« des Intermezzos in der Uraufführung. Von hier treten die Figuren während der Ouvertüre nach vorn und werden via Übertitel vorgestellt.

Mit Vorhängen und wenigen Requisiten, aber ohne große Wandlung, werden Räume und Szenen dargestellt, erst am Schluß geht Karthago in Flammen auf. So bleibt alles vor allem auf Dialoge und Monologe konzentriert. Sie offenbaren die Konflikte zwischen den Akteuren, aber auch die inneren Widersprüche, die jeder fühlt. Aeneas weiß: wenn er geht (und Didone verläßt), ist er ein Verräter, wenn er bleibt, mißachtet er seine Pflicht (den Auftrag, ein neues Troja zu gründen) – so oder so wird man ihn für grausam halten. Sein Vorsatz »Laß den Krieger die Leidenschaft überwinden« kann nicht lang halten …

Ratgeber im Zwiespalt: Araspe (Garrett Evers) ist Jarbas Vertrauter, aber selbst in Selene verliebt, mit Didone (Lubov Karetnikova), Selene (Monika Reinhard), Photo: Staatstheater Meiningen, © Christina Iberl

In dieser Art reflektiert fast jeder in Metastasios Stück. Sarro hat den Figuren prächtige Arien geschrieben, die freilich von den Zweifeln berichten, vom Zwiespalt, den nicht nur Didone zwischen Pflichten, Ruhm und Ehre fühlt. Es geht jedem so, und daher enden die »Standpunktarien der Selbstreflexion« oft mit einem Abgang ohne Antwort, obwohl in manchen Szenen noch eine zweite Person dabeigewesen wäre. Vielleicht liegt darin eine Schwäche des Stücks, das die Akte auch in Zweifeln beendet – der Schluß überrascht das Publikum ein wenig.

Spielerich und musikalisch macht das Ensemble vieles wett (Musikalische Leitung: Samuel Bächli). Die Sänger werden vom Orchester der Meininger Hofkapelle und einem variablen Continuo aus Laute, Cembalo oder Klavier begleitet, die Hörner mischen sich flammend ins Duett zwischen Aeneas und Didone, Flöten und Fagott singen mit – das ist auch dramaturgisch stark eingebunden. Sänger bzw. Spieler stehen dem nicht nach, zeigen die Überheblichkeit König Jarbas (Marianne Schechtel), der Didone (Lubov Karetnikova) mehrfach einen Heiratsantrag macht, dabei aber selbstgefällig sitzenbleibt, statt höflich aufzustehen oder sich gar zuzuwenden. Countertenor Meili Li stellt nicht nur Aeneas dar, sondern flicht mit baritonaler Bruststimme in der Erzählung Aeneas‘ den Auftrag dessen Vaters ein, womit er den überwiegend hohen Stimmen eine dunklere Farbe beimischt.

Gegensätzliche Wünsche und Ansprüche spalten die Gesellschaft: Osmida (Hannah Gries), Jarba (Marianne Schechtel), Araspe (Garrett Evers), Enea (Meili Li), Selene (Monika Reinhard), Selene (Monika Reinhard) und Didone (Lubov Karetnikova), Photo: Staatstheater Meiningen, © Christina Iberl

Diese (dunklen) Töne trägt Araspe (Garrett Evers) sonst fast allein bei. Jarbas Vertrauter wahrt nicht nur das Gleichgewicht der Parteien, er streut zudem einen gesprochenen Monolog ein – reflektierend selbstverständlich. Ihm steht Osmida (Hannah Gries), zu Didone gehörend, gegenüber, sowie Selene (Monika Reinhard), Didones Schwester, die ebenfalls in Aeneas verliebt ist. Die Arien gerade von Lubov Karetnikova, Monika Reinhard, Marianne Schechtel und Hannah Gries sind ausgesprochen schön gestaltet, zudem betonen kleine Gesten, unter Röcke fahrende Hände oder auf dem Schoß eines anderen sitzend gesungene Texte die Pikanterie der Dreiecksverflechtung.

24. November 2025, Wolfram Quellmalz

Wieder am 22. Januar und 7. März: Domenico Sarro »Didone abbandionata«, Staatstheater Meinungen

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