Sächsischer Staatskapelle gelingt im Silvesterkonzert die Balance zwischen Tradition und Unterhaltung
Silvesterkonzerte der Sächsischen Staatskapelle im Fernsehformat waren in den letzten Jahren stets Ausflüge in die leichtere Muse und unterhaltsame Programme – nicht immer unbedingt gelungen. Mittlerweile scheinen die Programme aber besser orientiert, greifen die eigene Tradition auf und finden an den Rändern des Repertoires interessante Zugewinne. Und nicht nur dort – auch im Publikum fielen am Silvestertag viele Besucher auf, die vielleicht nicht zum Stammpublikum der Sinfoniekonzerte gehören. Zwischen den vielen Familienphotos und Selfies war kaum ein Durchkommen im Foyer. Und dann noch fürs Fernsehen – das machte eine »Einweisung« per Moderator notwendig, doch bitte herzlich, aber (wegen der Sendelänge) kurz zu applaudieren und daß es zwar Umbaupausen gäbe, man sich aber beeilen werde. Das eine führte hin und wieder zu arg knappem Beifall oder fehlendem Auftrittsapplaus, das andere (Aufbau des Cellopodests für den Solisten) ist für jeden Konzertbesucher ein gewohnter Standard. Nun ja …
Um so schöner, daß abgesehen von diesen Rahmenbedingungen das musikalische Programm überzeugen konnte. Als Dirigenten hatte die Staatskapelle Andrés Orozco-Estrada eingeladen, mit dem sie in den letzten Jahren einige Programme gestaltet hatte. Sehnlichst erwartet wurde von vielen wohl Sopranistin Pretty Yende, unter den Solisten der Erwartung nach der vielleicht spektakulärste Name. Im April noch hatte sie ihr Hausdebut an der Semperoper (Lucia di Lammermoor) abgesagt, im Konzert gab es nun einen kleinen – Vorgeschmack? Denn nach diesem Auftritt kann man sich nur wünschen, daß die Südafrikanerin einmal für mehr als nur ein paar Arien und Duetten nach Dresden kommt.
Neben einer Lockerheit, die ein Spiel auf der Bühne sicher anregt, kann Pretty Yende mit einem Attribut punkten, das sie in die Reihe jener Sängerinnen und Sänger einordnen läßt, von denen man sagt, sie seien »eine Stimme«. Also eine Stimme, die nicht nur von hoher Wiedererkennbarkeit ist, sondern die mit ihrer Ausdruckskraft einnimmt und begeistert. Yendes Sopran hat einen goldenen Boden, an dessen Grund sie mühelos und weich an Mezzo- oder Altlagen anschließt, wie gleich »Una voce poco fa« aus Gioachino Rossinis »Il barbiere di Siviglia« bewies. »Eine Stimme hört ich eben« singt Rosina in ihrer Arie ausgerechnet – und schwang sich mühelos in Koloraturen, daß jede Lerche oder Nachtigall ernsthaft die Konkurrenz fürchten müßte. Doch Pretty Yende verband diese Spitzen nicht nur mit Charme, sondern einem geschmeidigen, vibrierenden Timbre ohne Brüche in den Höhenstufen – sagenhaft! Ausschnitte aus Victor Herberts »The enchantress« oder Duette wie Frederick Loewes »On the street where you live« (aus »My fair Lady«) unterstrichen dies noch.

Pretty Yendes Duettpartner Benjamin Appl konnte in Sachen Stimmschönheit mühelos mithalten, auch wenn der Bariton ein wenig von der Kollegin überstrahlt wurde. Zudem war bei ihm die Rollenauswahl nicht so stimmig wie bei Yende. Obwohl Dr. Malatesta (»Bella siccome un angelo« aus »Don Pasquale«, Gaetano Donizetti) durchaus ein jugendlicher Freund des Titelhelden sein kann. Aber als Vater Germont (»Ah! Dite alla giovine« aus Giuseppe Verdis »La traviata«) war Benjamin Appl – so schön er klang – weniger authentisch.
Neben den beiden Sängern war Capell-Virtuos Gautier Capuçon zu Gast. Am Ende fanden sie noch zum Trio zusammen, davor hatte Capuçon einen Soloauftritt (mit angekündigtem Umbau) mit Joseph Haydns erstem Violoncellokonzert. Die Staatskapelle einmal ganz in ihrem (klassischen) Element, doch zeigten sich ausgerechnet hier die Grenzen des Unterhaltungsformats. Für eine intime, sinnliche Atmosphäre im Adagio fehlte die Ruhe, so wirkte es eher entrückt mit einem sehr vordergründigen Cellisten, die Spannung zwischen ihm und dem Orchester wollte sich nicht einstellen. Auch Gautier Capuçons »Nachschlag« in der zweiten Konzerthälfte, Nacio Herb Brown »Singin’ in the Rain« (mit abgedrucktem Text im Programmheft) schien wenig cellogerecht und setzte das Instrument nicht wirklich passend in Szene.
Andrés Orozco-Estrada führte die Sächsische Staatskapelle gewohnt energisch und energiegeladen, punktgenau. Daß er ein Showtalent ist und manchmal eher wie ein Tänzer wirkt, sind Qualitäten, die beim Silvesterkonzert erlaubt sind. Insgesamt konnte das Orchester mit seiner Flexibilität in den sehr unterschiedlichen Stücken und dem Klang überzeugen. Trotzdem oder gerade machte das Vergleiche interessant: Richard Strauss‘ »Till Eulenspiegels lustige Streiche« war eben im Dezember kurzfristig schon einmal ins Konzertprogramm gerutscht. Andrés Orozco-Estrada erwies sich als der eindeutig mitreißendere, schwungvollere Dirigent, Marie Jacquots Auslegung hatte dagegen mit ihrer Differenziertheit überzeugt, welche die Soli noch stärker hervortreten ließ. Was einem besser gefällt, ist letztlich Geschmackssache.
1. Januar 2026, Wolfram Quellmalz
Das Silvesterkonzert der Sächsischen Staatskapelle wurde vom ZDF übertragen und ist in der Mediathek abrufbar