Orgelwinter in der Diakonissenhauskirche
Das vielleicht bekannteste Werk der Orgelbauwerkstatt Alexander Schuke ist hierzulande die Orgel im Leipziger Gewandhaus mit ihren charakteristischen Horizontaltrompeten. Weltweit hat das Unternehmen Instrumente in Kirchen und Konzertsälen realisiert. So sind in Asien und Südamerika Schuke-Orgeln zu finden, aber auch in unserer Umgebung, wie Leipzig-Connewitz oder Halle. In Dresden gibt es gleich drei: in der Apostelkirche Trachau, der Lukaskirche sowie der Diakonissenhauskirche. Die Realisierung der Orgel dort fiel 1972 / 73 mit der Enteignung des Familienbetriebs und der Umwandlung in den »VEB Potsdamer Schuke Orgelbau« zusammen. Matthias Schuke, der ein Jahr später seine Ausbildung begann, übernahm nach der Wende die Werkstatt, die wieder ein Familienbetrieb wurde. Heute wird er von den Söhnen Johannes und Michael geführt, Matthias Schuke war im November mit erst 70 Jahren verstorben.

Obwohl das Instrument mit über 1000 Pfeifen, 32 Registern und zwei Manualen sowie Pedal eher zu den kleineren Orgeln zählt, ist es ein besonders vielseitigstes und klangschönes. Am Rande der Neustadt liegt die Diakonissenhauskirche zwar etwas außerhalb, lockt aber in jedem Jahr mit dem einst von Jan Katzschke ins Leben gerufenem Orgelwinter Musikfreunde an. Nicht zu vergessen: auf dem Gelände sind ein Krankenhaus und ein Altenheim angesiedelt, wohin via Diako-Radio bzw. -TV Andachten und Veranstaltungen übertragen werden.
Vergangenen Donnerstag wurde der Orgelwinter mit einer Musik im Diakonissenhaus für Patientinnen, Patienten und Mitarbeiter eröffnet, am Sonntag wurde der Abschluß mit einem Abendmahlsgottesdienst und der Bach-Kantate »Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut« (BWV 117) gefeiert.
Die Vesper am Freitag mußte wegen einer Erkrankung von Kantor Stephan Seltmann kurzfristig etwas gekürzt werden. Udo Löser übernahm die Veranstaltung allein, doch abgesehen von den Programmzetteln, die man so schnell nicht anpassen konnte, blieb das Programm in der Form intakt. Udo Löser hatte für seinen Teil der Vesper Improvisationen vorbereitet, die, dem weihnachtlichen Gedanken folgend, ausgesprochen geschmackvoll gelangen und die Orgel als Hauptakteurin präsentierten. So stellte Udo Löser – passend zum gelesenen Text – mit Dialogen und Läufen die Herrlichkeit Gottes dar, für den Abschluß flocht er in seine Improvisation das zuvor gesungene Gemeindelied »Wie schön leuchtet der Morgenstern« ein. Die größte Überraschung war aber der Beginn, denn was wie eine Phantasie oder ein Präludium von (vielleicht) Buxtehude klang, war ebenso frei erdacht.
Weihnachten und Epiphanias markierten die Kernpunkte des Programms. Schwester Sylvia Bommert las Texte und spendete den Segen, Birgit Jacobi-Kircheis vertiefte in vier der Geistlichen Lieder aus Schemellis Gesangbuch die Andacht (unter anderem » Ich freue mich in dir« und »Liebster Herr Jesu, wo bleibst du so lange«). Neben einer tragfähigen Mitte erreichte sie die himmlischen Sphären des hohen Soprans vollkommen mühelos!

Am Sonnabend gab es den mittlerweile traditionellen Stummfilm beim Orgelwinter. René Plath, bekannt von Orgelfahrten und seinem Projekt »Orgel in bunt«, hatte Buster Keatons »Go West« ausgewählt. In den vergangenen Jahren hatten diese Vorführungen zu den Dresdner Schmalfilmtagen gehört, die Filme waren mit einem Projektor gezeigt worden, diesmal genügte eine digitalen Datei, der Akt des Begleitens war freilich derselbe. Nun hieß es weniger improvisieren, sondern akribisch vorbereiten – der Organist muß den Film szenisch genau kennen und den Ablauf im Spiegel an der Orgel beobachten, um bild- und stimmungsgerechte Musik zu erzeugen. Für »Go West« gehörten der New Yorker Verkehrsstrom, die rasante Fahrt einer Eisenbahn und die Einsamkeit des amerikanischen Westens dazu.
René Plath fügte wie immer bekannte Themen ein, diesmal weniger aus Opern, sondern Volks- oder Kinderlieder. So erklang, als der Held des Films wiederholt zu spät zum Essen erschien und nichts mehr bekam, der Kinderreim »Wir haben Hunger, Hunger, Hunger …«. Aber auch »Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn« paßte zu den Ereignissen auf einer Farm. Was der vom Organisten gefundene Untertitel »Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft« zu bedeuten hat, soll hier nicht verraten werden, vielleicht gibt es ja wieder einmal eine Vorführung von »Go West«.
18. Januar 2026, Wolfram Quellmalz
Nächste Veranstaltung in der Diakonissenhauskirche: Gottesdienst mit Abendmahl zum Ende des Weihnachtsfestes (1. Februar, 10:00 Uhr)