Da capo für den Tenor

»Tosca« läßt an der Lindenoper die Gefühle brodeln

In manchem gibt es Parallelen zwischen Linden- und Semperoper: in beiden Häuser ist ein Orchester zu Hause, daß sich überwiegend dem Opernrepertoire widmet und »Staatskapelle« heißt, hier wie da versucht die Leitung, eine Balance zwischen modernen Werken und dem Kanon des Repertoires mit neuen und übernommenen Inszenierungen herzustellen. Und auch darin finden sich beide: beliebte, seit Jahren eingespielte Produktionen werden mit Stargästen aufgewertet, um das Publikum zum Wiederkommen anzuregen.

Der Fall von »Tosca« zeigt das deutlich: Die Staatsoper Unter den Linden nahm Giacomo Puccinis Klassiker im Januar mit der Besetzung Giuseppe Mentucci (Musikalische Leitung), Sonya Yoncheva (Tosca), Vittorio Grigolo (Cavaradossi) und Christopher Maltman (Scarpia) auf und führt die Serie im Februar mit drei Vorstellungen zu Ende, die Petr Popelka leitet. »Seine« Tosca ist Aleksandra Kurzak, die in der gleichen Rolle im Herbst in Dresden zu erleben war, damals mit ihrem Mann Roberto Alagna an ihrer Seite. In Berlin übernimmt Heldentenor Piotr Beczała die Rolle Cavaradossis, den Baron Scarpia Alexey Markov.

Tückische Konspiration: Polizeichef Scarpia verhört mit seinen Spionen Spoletta (Florian Hoffmann) und SciarroneMario Cavaradossi (im Bild die Premierenbesetzung mit Fabio Sartori / Cavaradossi, Michael Volle / Scarpia und Maximilian Krummen / Sciarrone), Photo: Staatsoper Unter den Linden, © Hermann und Clärchen Baus

Die Inszenierung von Alvis Hermanis (2014) scheint im Vergleich zu der von Johannes Schaaf an der Semperoper (2009) mit ihrer in psychologischen Bildern großartig differenzierten Symbolik nicht nur klassischer, sondern auch ein wenig statischer. Große Bühnenbauten, die Bilder aus Projektionen einbeziehen, beziehen sich auf die historischen Orte – im Grunde nichts »aufregendes«. Doch der Trick liegt nicht in der Illustration (wer käme schon wegen der Illustrationen in die Oper?), sondern in der Figurenanlage. Das zeigt sich am deutlichsten bei Aleksandra Kurzak, die sich seit dem Herbst wohl weder selbst verändert noch eine andere Tosca-Auffassung erfahren hat. Während sie aber in Dresden das psychologische Kalkül bediente und um eine glühende Emotionalität bereicherte, scheint Tosca an der Lindenoper noch um einiges leidenschaftlicher. Das zeigt, welch glänzende Darstellerin Aleksandra Kurzak ist, die sich eben nicht auf den Glanz eines »Vissi d’arte« verläßt, sondern eine glaubhafte Gesamtanlage der Figur anstrebt. Tosca, anfangs noch im eifersüchtigen Ungestüm unbedacht (womit sie eine Tür für Scarpia öffnet, die für ihren Geliebten Cavaradossi schließlich zur Falltür wird), handelt am Ende zielbewußt (wenngleich aus Rache) und bringt Scarpia zur Strecke. Vom melancholischen Piano bis zu dramatischer Aufwallung nutzt Aleksandra Kurzak die Bandbreite der Gefühle, dabei fällt auf: die runden Vokale sind etwas »schwerer« als in Dresden, aber auch das im Sinne der Glaubhaftigkeit und mit Blick auf den Regieansatz.

Fataler Irrtum: die falsche Hinrichtung ist eine Fälschung! Cavaradossi (Premierenbesetzung mit Fabio Sartori) und Tosca (Anja Kampe) werden in wenigen Augenblicken sterben, Photo: Staatsoper Unter den Linden, © Hermann und Clärchen Baus

Und doch wird sie zumindest an diesem Mittwochabend in der Publikumsgunst noch von Piotr Beczała übertrumpft, dessen Rolle einen leicht umgekehrten Verlauf nimmt: Während er die Gefahr unnötiger Eifersucht meidet, sich im entscheidenden Moment für eine Seite entscheidet und dem geflohenen Angelotti zu einem Versteck verhilft, verhält sich Cavaradossi während der Hausdurchsuchung durch Scarpias Spione und im Verhör unnötig provokant. Piotr Beczałas Piano ist geradezu betörend, selbst wenn er es an diesem Abend zu selten nutzt und sich hinreißen läßt, heldisch zu strahlen – das Publikum ließ sich aber gerade davon ebenso hinreißen und forderte (»please!«) ein Da capo – was es zu »E lucevan le stelle« auch bekommt! Ein Da capo ist an sich heute vollkommen unüblich, weil es den Handlungsverlauf unterbricht, an manchen Opernhäusern gibt es sogar ein (unausgesprochenes) Verbot. Die Szene wiederum ist deshalb besonders wirkungsvoll, weil Cavaradossi in der Szene den Kerker eben verlassen hat und wirklich gerade die besungenen Sterne (»stelle«) erblickt.

Piotr Beczała, Photo: Johannes Ifkovits

Schon mit dem »Che fai?« (Was tust Du?), den ersten gesungenen Worten Cavaradossis, hatte Piotr Beczała das Publikum gewonnen. Die an den Mesner gerichtete Frage eröffnet gleichzeitig ein feines Tableau der Gegensätze – hier der Cavaliere und Freiheitskämpfer, dort der von Hanseong Yun karikierte, bigotte und dünkelhafte Kirchendiener.

Petr Popelka, der vom Publikum nach der Pause schon mit vielen »Bravo« empfangen wird, wiederholt also die Arie noch einmal ebenso bravourös, wie er mit der Staatskapelle Berlin dem Geschehen über den ganzen Abend »folgt«. Er begnügt sich nicht mit feurig leuchtendem Blech oder einer wunderbaren Oboe, die (nebst Klarinette dann) »Vissi d’arte« begleitet, sondern leuchtet Puccinis manchmal kitschig kritisierte Musik differenziert aus. Erst illustrieren die Holzbläser die von Scarpia drohende Gefahr, dann umschließen sie die erregte Tosca – soviel Psychologie steckt nun doch drin in Puccinis Drama. Alexey Markov fehlt anfangs (1. Akt) noch die miese Heimtücke Scarpias oder die unterschwellige Gefahr, die von ihm ausgeht, doch im entscheidenden zweiten läßt er sie eindrucksvoll wachsen. Auch da, in der Übergriffigkeit des Polizeichefs, bleibt sich der Regieansatz in seiner Emotionalität treu.

Doch »Tosca« ist ebenso instrumental rein, ja beglückend! Nur den in der Te-Deum-Szene übermäßig lauten Staatsopernchor gebietet Petr Popelka nicht genug Einhalt. Szenisch allerdings ist der Chor (gemeinsam mit dem Kinderchor der Staatsoper) wirksam.

12. Februsr 2026, Wolfram Quellmalz

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