Die Wahrhaftigkeit des 17. Jahrhunderts

Ensemble Compagnie d’Oiseaux präsentierte berührende Musik in der Kreuzvesper

Noch bis Ostern schweigt die große Jehmlich-Orgel in der Dresdner Kreuzkirche wegen Reinigungs- und Sanierungsarbeiten. [Die NMB waren mittlerweile »zu Besuch in der Orgel« und bereiten einen Bericht vor.] Das heißt aber nicht, daß die Musik generell schweigen würde oder das Haus geschlossen wäre. Es gibt derzeit neben der Stille der großen Orgel zwei andere Merkmale, die auf den Zustand verweisen: das Gerüst um die Orgelempore und die Wegscheider-Orgel, die »temporär-dauerhaft« im Altarraum aufgestellt ist. Auch sie verfügt über wunderschöne Klangfarben und -volumen, wie man sich wieder überzeugen konnte.

Am Sonnabend war die von der Sopranistin Gretel Wittenburg gegründete Compagnie d’Oiseaux zu Gast, zu deren »Vogelschar« (übersetzter Ensemblename) eigentlich vier Soprane gehörten: Barbara Christina Steude wechselte sich in den Stimmen mit Gretel Wittenburg ab, Adéla Drechsel und Friederike Lehnert stellten auf ihren Barockviolinen oft instrumentale Soprane dar. Die Begleitung an der Orgel übernahm KMD i. R. Henk Galenkamp, der den vielen hohen Stimmen zwar den einzigen Baß gegenüberstellte, dafür aber nicht nur auf den Klang, sondern ostinate Rhythmen der Werke vertrauen konnte. Dabei waren die Stücke so ausgewählt, daß der Abschluß des einen oft nicht nur in der Tonart, sondern auch im Gestus bündig zum Beginn des neuen paßt.

Das Ensemble Compagnie d’Oiseaux in der Kreuzvesper am vergangenen Sonnabend, Photo: Dresdner Kreuzkirche

Das galt schon für den auf den Einzug folgenden Christoph Bernhard und dessen Fassung der Geistlichen Harmonie »Aus der Tiefen«. Schon hier zeigten sich zwei charakteristisch völlig unterschiedliche Soprane. So fiel es dem schlankeren von Gretel Wittenburg deutlich leichter, sich in die bei Bernhard weit und schnell nach oben führende Stimme zu steigern. Barbara Christina Steude fügte, wie im folgenden »Was betrübst du dich, meine Seele« von Heinrich Schütz (SWV 353), manche herbe Schattierung bei. Schon bei Bernhard war in der Begleitung der Puls der Passacaglia charakteristisch, ein belebender Effekt, der auch zum Abschluß bei Dieterich Buxtehude (»Herr, wenn ich nur dich hab«, BuxWV 38) wiederkehrte.

Belebung lag an sich bereits in der Musik des 17. Jahrhunderts, wie sie hier präsentiert wurde. Dazu gehörten zwei Musikstücke komponierender Nonnen, Chiara Margarita Cozzolani und Isabella Leonarda, die damals bereits verehrt wurden. Vor allem Isabella Leonarda blieb bis heute berühmt und ist Alte-Musik-Freunden vertraut.

Mit ihnen vollzog sich ein Perspektivwechsel, denn auf Chiara Margarita Cozzolanis Concerto »O dulcis Jesu« (Oh süßer Jesus), in dem sich Stimmen und Violinen konzertierend abwechselten, folgte Isabella Leonardas »Quam dulcis«. Doch die Motette richtete den Blick nicht mehr auf Jesus, das »dulcis« galt Maria – für eine protestantische Andacht eher ungewöhnlich. Auch das Gemeindelied »Ach. bleib mir deiner Gnade« (EG 347) folgte später einem ökumenischen Gedanken.

Wer mit den Werken Isabella Leonardas vertrau ist, den wunderte das ausdrucksstarke Werk nicht, wer es neu entdecken konnte, erfuhr eine erfrischende Interpretation bis in das mehrfach vokal und instrumental ausgeführte »Amen«.

Das Ensemble Compagnie d’Oiseaux in der Kreuzvesper am vergangenen Sonnabend, Photo: Dresdner Kreuzkirche

Henk Galenkamp spielte vor dem Wort zum Sonntag, in dem Pfarrerin Carola Ancot auf die gehörte Musik aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (Gemeindelied) einging, Dieterich Buxtehudes Partita »Auf meinen lieben Gott« (BuxWV 179) sowie dessen Präludium a-Moll (BuxWV 153). In der Partita zeigte er, gedämpft beginnend wie über das choralartig eingebettete Liedthema die Vielfalt der Darstellungsformen in den ausgesprochen farbigen Sätzen. Das Präludium wiederum ist – typisch für Buxtehude – kein einfaches Vorspiel, sondern schließt die Fuge mehrfach ein. Hier mochte der eine oder andere vielleicht die größere Darstellungskraft bzw. die Raumwirkung der Jehmlich-Orgel vermissen.

Der Beginn der Passions- oder Fastenzeit am Vorabend des Sonntags Invocati durfte nicht nur viel helles Licht durch die Kreuzkirche fluten, sondern auch in einer Farbigkeit wie jene der Frühblüher, die sich auf Wiesen und in Gärten gerade zu öffnen beginnen, leuchten. Dazu gehörte ganz besonders Johann Vierdanck Capriccio (aus dem Concerto de varii stromenti), das Adela Drechsel und Friederike Lehnert spielten – noch eine ungewöhnliche Entdeckung!

23. Februar 2026, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Sonnabend gestaltet der Ex Silentio Kammerchor (Leitung: Hanjo Laabs) die Kreuzvesper, Orgel: Alber Hübner, Liturg: Pfarrer Holger Milkau

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