Ein wenig verweilt, ein wenig verirrt

Dunkelkonzert der Sächsischen Mozart-Gesellschaft am 400. Todestag von John Dowland

Draußen war die Stimmung – drei Tage nach Neumond – perfekt. Aus der Dunkelheit ragte Schloß Augustusburg, von einem tiefblauen Nachthimmel mit einer schmalen Mondsichel überspannt, heraus. Drinnen waren im Hasensaal die Lichter spärlich verteilt, denn am 400. Todestag von John Dowland wollte das Konzert gemäß einem der berühmtesten Lieder des Komponisten, »In darkness let me dwell«, in Dunkelheit verweilen. Inhalt und Anlaß fügten sich – zu Dowlands Zeiten war Melancholie geradezu »in«. Es gibt freche Dowland-Kompositionen, doch die melancholischen »Tränen« (Lachrimae) sind legendär und passen besser zum Todestag. Den immerhin kennen wir, Dowlands Geburtsdatum indes, auch wenn es manche Quellen auf den Tag genau wissen wollen, ist nicht einmal im Jahr gewiß (1562 oder 63?).

Es war an sich eine hübsche Idee, wobei man freilich aufpassen muß, wieviel Melancholie – und sei sie noch so anmutig und schön – man dem Publikum zumuten will (schließlich sollen die Zuhörer bewegt nach Hause gehen und sich nicht in Verzweiflung von einer Burgzinne stürzen). So bezog sich das Programm nicht allein auf wehmütige Texte, sondern Abschiede, die mitunter froh ausfielen. In den sehr schön gesprochenen Moderationen führte Sopranistin Gerlinde Sämann durch das Konzert und einen Tagesablauf, bei dem die Sonne mittags den höchsten Stand erreichte – spätestens hier stand der Sinn des Dunkelkonzerts ein wenig in Frage.

Kaum faßbar – John Dowland ist auch abseits der Lebensdaten unsicher: es handelt sich (vermutlich) um ein Fantasieportrait des Lautenisten und Malers George Weigand nach einem historischen Gemälde von Annibale Carracci, Carracci hat weitere anonyme Portraits gemalt und mit »eines Musikers« oder »eines Lautenisten« bezeichnet, hinter denen historische Persönlichkeiten wir Claudio Merula oder Giulio Mascheroni vermutet werden, Bildquelle: Wikimedia commons

Da hatte die Sächsische Mozart-Gesellschaft wohl einige Erwartungen geweckt, die sich nicht erfüllten, auch wenn sicher niemand mit Sting gerechnet hatte, dessen Dowland-Album von 2006 die Ankündigung für den »ersten Songwriter« referenzierte. Aber daß zu einem Dowland-Konzert dann nur zwei seiner Titel ins Programm fanden, war doch ein wenig enttäuschend. Dowland war außerdem Lautenist und hätte für die begleitende Harfe von Vincent Kibildis sicher ein paar Stücke offeriert.

Die absolute Anzahl der Lieder oder die Verhältnisse der Anteile ist sicher zweitrangig, nur fehlte am Freitagabend die Ausgewogenheit. Statt dessen schienen die Lieder und Songs bunt zusammengewürfelt, ein roter Faden oder Spannungsbogen fehlte, obwohl sich im einzelnen Bezüge (wie zum Tagesablauf) finden ließen. Sicher, zu Dowlands Lebzeiten wurden seine Lieder nicht nur in öffentlichen Konzerten von großen Sängern geboten, sondern auch im Freundeskreis und im Pub gesungen (was ihm keinen Abbruch tut). Daran erinnerten die Gesangsbeiträge von Vincent Kibildis, dessen recht durchdringender Bariton eher einem historischen Liedermacher als einem klassischen Sänger entsprach. Das mochte »faktisch« passen und in gewisser Weise historisch informiert gewesen sein, stand aber gegenüber der schönen klassischen Stimme von Gerlinde Sämann teilweise in verstörendem Kontrast.

Selbst die Titel der Sopranistin wechselten stark zwischen sehr artifiziellen, opernhaften Stücken und schlichten Weisen. Giulio Caccini zum Beispiel war mit einem Kunstlied und mit volkstümlichem vertreten. Insgesamt ragten einzelne Lieder ob ihrer Schönheit über die Maßen heraus, in anderen brach die Spannung nach zu vielen Wechseln. Zudem neigte auch Sämanns kräftige Stimme dazu, manchmal durchdringend zu werden oder stand ihr teils sehr hoher Sopran im Widerspruch zu Text oder Hörgewohnheiten – Claudio Monteverdis »Si dolce è ‚l tormento« fehlte die Süße; die berauschende Wirkung, die man von ihm kennt, blieb aus.

In der Begleitung mit seiner Barockharfe erwies sich Vincent Kibildis als treffsicherer, obwohl sich mancher mehr der zärtlichen Verführungskraft statt Perkussion gewünscht hätte. Dennoch: die Harfe gehört (wie die Laute) zu jenen Instrumenten, die »geschlagen« werden (können) – es muß ja nicht immer alles der Gewohnheit entsprechen. Das zeigte schon der erste Titel mit einer anonym überlieferten Musik zu Walther von der Vogelweides »Unter den Linden«, bei dem die Harfe durchaus nicht in einen begleitenden Baß fiel, sondern in Obertönen eine zweite Stimme sang.

Mehr »roter Faden« und mehr Licht im Saal, um den Texten folgen zu können, wäre der Zugänglichkeit sicher zuträglich gewesen. Denn Entdeckungen seltener Lieder von Johann Nauwach, William Webb, Ludwig Senfl oder Francesco Rasi gab es nebst einem eigenen Beitrag von Vincent Kibildis viele – auf das Traditional »Danny boy« (noch ein »Kneipenbeitrag«) hätte man vielleicht verzichten können.

Immerhin durfte John Dowland noch ein drittes Mal auftreten, mit einem seiner schönsten Lieder in der Zugabe: »Now, o now, I needs must part« (Nun, oh nun, muß ich scheiden).

21. Februar 2026, Wolfram Quellmalz

Die Sächsische Mozartgesellschaft würdigt John Dowland in diesem Jahr in weiteren Konzerten.

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