Richard-Wagner-Stätten Graupa sind offen für Fragen und Diskussionen
Richard Wagner löst bis heute ambivalente Reaktionen aus. Das spüre man auch in den Richard-Wagner-Stätten Graupa, stellte Christian Schmidt-Doll (Geschäftsführer der Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna) am Montag zum Pressetermin fest. Seine Erfahrung bezieht sich ebenso auf Einzelbeispiele mit Besuchern wie auf eine Veranstaltung mit Förderern. Insofern freue er sich, daß die neue Sonderausstellung »Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven« nicht nur zum Jahresprogramm »Tacheles« gehöre, sondern auf besondere Weise an die eben vergangene Ausstellung »Klänge bewegen« anschließt. Der letzte Punkt des Begleitprogramms dort war ein Vortrag zu Fritz Busch und seinem Wirken in Dresden. Busch habe es abgelehnt, jüdische Sänger oder Musiker aufgrund ihrer Religion zu entlassen, mußte aber selbst gehen – das habe ihn wieder beschämt, so Schmidt-Doll.
Um so erfreulicher ist es, daß sich das Museum der Richard-Wagner-Stätten Graupa offen zeigt. Als Tom Adler als Wissenschaftlicher Mitarbeiter ans Haus kam, habe er bereits eine Ausstellung, die Wagners Umgang mit Juden, seine antisemitische Einstellung aufarbeitet, aber auch die Menschen um ihn herum einbezieht, im Sinn gehabt. Aus einem Kennenlerngespräch 2023 mit Vertretern des Richard Wagner Museums Luzern hatten sich bald konkrete Pläne entwickelt, 2024 folgte ein Konzepttreffen in Graupa.

Entstanden ist eine Sonderausstellung, die Personen ins Verhältnis setzt, von Richard und Cosima Wagner über Hermann Levi und Lilli Lehmann bis zu Heinrich Heine. Sie sind in Wort und Bild vertreten und werden in kurzen Texten eingeordnet, die Bezüge offenlegen, Hintergründe erhellen. Die zugänglichen Inhalte der Schautafeln sind mit Texten und Bildern in einen Ausstellungskatalog eingeflossen.
Das mag an sich vielleicht keine neuen Fakten offenbaren, vieles, was man sieht und erfährt, meint man zu kennen: Richard Wagners Verbundenheit zu einer großen Zahl jüdischer Künstler, ob Dirigenten, Musiker oder Sänger, stehen im krassen Mißverhältnis zu seiner Schrift über »Das Judentum in der Musik«. Zunächst (1850) unter dem Pseudonym Karl Freigedank veröffentlicht, brachte Wagner den Text 1869 noch einmal deutlich verschärft unter eigenem Namen heraus. Dennoch war für das Handeln, etwa Eingriffe bei den Bayreuther Festspielen, oft Cosima verantwortlich.
Das Für und Wider hat in der Vergangenheit für heftige Diskussionen gesorgt, teils Menschen entzweit. Die Absicht, ein (endgültiges) Urteil zu fällen oder eine klare Antwort auf die Frage des Ausstellungstitels »Tabu Wagner?« zu finden, haben die Richard-Wagner-Stätten Graupa aber gerade nicht. Vielmehr wollen sie, als musikhistorisch bedeutender Ort, ihre Rolle als Besucherziel ausspielen und einen Beitrag leisten, indem sie nicht nur Türen öffnen, sondern der Diskussion Raum geben. In diesem Sinne wurden auch vorab nicht nur historische Persönlichkeiten einbezogen, sondern Interviews mit heute lebenden Juden geführt.
Daß das Angebot genutzt und fruchtbar werden könnte, dazu gibt das Richard Wagner Museum Luzern Anlaß. Die in Kooperation entstandene Ausstellung ist dort bereits seit dem letzten Jahr zu sehen und wegen des Publikumserfolges verlängert worden. Die mediale Präsentation wurde wegen der sehr unterschiedlichen Räumlichkeiten von Beginn zweigleisig entwickelt – in jedem der Museen werden die großen Tafeln, auf denen man den betreffenden Personen in der Regel in (Über)lebensgröße begegnen kann, bestmöglich platziert. Vorteil der etwas kleineren Objekte für Graupa: sie sind mobiler, könnten auf Wanderschaft gehen.
Darüber hinaus gibt es Originalobjekte, vor allem aber ein Rahmenprogramm, in dem Höhepunkte wie die Vorführung eines bisher nicht veröffentlichten Filmmonologs von Leonard Bernstein zu finden sind. Von dem jüdischen Dirigenten ist das Bonmot überliefert »Richard Wagner, ich hasse dich, aber ich hasse dich auf meinen Knien«. Kaum weniger interessant dürfte ein Podiumsgespräch mit Michael Hurshell und Jascha Nemtsov werden – Hurshell ist Leiter der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie Dresden und hat die Graupaer Dauerausstellung kuratiert, Nemtsov ist Professor für Geschichte der jüdischen Musik (Weimar und Jena).
4. März 2026, Wolfram Quellmalz
6. März 2026 bis 17. Januar 2027: »Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven« Richard-Wagner-Stätten Graupa, zweisprachiger Ausstellungskatalog liegt vor