Stuhlkreis mit dem Leiter von AuditivVokal

Bieten Metamoderne oder Kunst Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme?

Das ZentralWerk in Dresden-Pieschen kennen wir als Schauplatz von Projektopern, vor allem Konzerten. Doch in diesem Kulturraum ist auch der »Diskurskurs« zu Hause, eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe, die zu verschiedenen Themen ihren Blick auf »Ambivalenzen – Leerstellen – Differenzen« (Veranstalterbeschreibung) richten möchte. Die Erinnerungskultur war bereits ebenso wie Palästina oder der Wehrdienst Gesprächsthema. Am Dienstag hatte der Philosoph Friedrich Hausen Olaf Katzer, den Leiter von AuditivVokal, eingeladen. Olaf Katzer sorgt seit 2007 mit seinem Ensemble nicht nur für Aufführungen mit Schwerpunkten in der Alten und besonders der Gegenwartsmusik mit vielen Uraufführungen, er entwickelt neue Programme, wofür er unter anderem mit dem Sächsischen Lehrpreis 2023 ausgezeichnet wurde. Er und Friedrich Hausen haben mehrfach zusammen gearbeitet, wie im Projekt »Yes! Yes! Yes! Die Fernsehshow!« (2023, Hellerau), wofür Hausen Texte schrieb.

Der Abend begann zunächst mit einem »Parallellauf«: Friedrich Hausen nahm den Begriff der Metamoderne auf, versuchte, sie gegenüber der aufgeklärten Moderne mit ihrem Zukunftsoptimismus und der Skepsis der Postmoderne ins Verhältnis zu setzen. Das »Meta« steht (vielleicht) für das Dazwischen oder Darüber, aber auch dafür, verschiedene, divergierende Ansätze zuzulassen, nicht nur andere Meinungen, sondern alternative, vielleicht irritierende Wertesysteme. Das klang zunächst sehr theoretisch – sind metamoderne Denksysteme mehr als »Mindsets« (Denkweise, Denkmodell, gedanklicher Ansatz)?

Der Philosoph Friedrich Hausen und AuditivVokal-Leiter Olaf Katzer präsentierten ihre Konzepte und tauschten sich aus, Photo: NMB

Manchem Besucher war das zu theoretisch, andere fragten sich ungeduldig, ob der »Parallellauf« zusammenführen würde. Doch Olaf Katzer, der sich vor einigen Jahren vom Modell der Metamoderne begeistern ließ, konnte eine gedankliche Brücke darstellen: er verfolgt nicht nur in speziellen Projekten Übergänge zwischen widersprüchlichen Aussagen, im Grunde ist dies von Beginn an bei AuditivVokal immanent: das Vokalensemble ist eben kein Chor, denn dann wäre die Homogenität ein herausstechendes Merkmalen und anzustrebendes Ziel. In seinem Ensemble möchte Olaf Katzer aber gerade die Individualität der einzelnen Stimmen erhalten, Homogenität braucht er dennoch. Als Charakteristikum hat er dafür das Bild einer »heterogene Homogenität« entworfen, was zunächst wie ein Widerspruch scheint.

Die Metamoderne scheint, zumindest ließ sich dies aus dem Gesprächsverlauf schließen, kein Anwendungsmodell zu sein, schon deshalb nicht, weil sie nur »funktioniert«, wenn das Gegenüber bereit ist, darauf einzugehen. Aber als Ausgangspunkt und Schlüssel zum Öffnen einer Tür, kann sie zur Horizonterweiterung beitragen. Bei »Yes! Yes! Yes! Die Fernsehshow!« standen zum Beispiel zwei Gruppen von AuditivVokal einem Laienchor mit Schülern gegenüber, deren Eltern und Angehörige an der Aufführung teilnahmen. Allein diese Beteiligung – für die Schüler ein Projekt, für das Publikum eine teils konfrontative Auseinandersetzung mit der Aufführung (Meinung aus dem Publikum: »Ist das Kunst«?) – war eine Bereicherung mit Perspektivwechseln.

Auch am Dienstagabend gab es eine »Übung« als Kostprobe für die Besucher des Diskurkurses: Auf das Zeichen von Olaf Katzer mußten Aussagen, die man vielleicht nicht teil oder sogar ablehnt (»Wahrheit ist immer Macht«, »Wir brauchen mehr Hierarchien« etc.) mit »Yes!« beantwortet werden. Die Reflexion, was diese Anweisung in einem auslöst, gehörte zur Übung. So ergab sich im Anschluß mit dem im Stuhlkreis sitzenden Publikum letztlich ein anregender Meinungsaustausch.

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