Wann kommt die Nacht?

Lídia Jorge »Erbarmen«

(dritter Teil unserer Trilogie der Mutterschaft)

Der Beginn ist zauberhaft: wer die Bitte um Ruhe und Rücksicht und die einfühlsame Art, mit der sie formuliert ist, liest, stellt sich vor, daß das »Hotel Paraíso« ein Ort ist, der seinem Namen entspricht. Es ist aber kein Hotel in unserem Sinne, sondern ein Alten- und Pflegeheim an der Algarve. Und die Heimleiterin, Ana P. de Noronha, die vor kurzem noch eine Pflegeschwester war, erweist sich bald um einiges härter, vielleicht gefühlloser als ihr Text. Es ist nicht der einzige Wandel, den der Leser von Lídia Jorges »Erbarmen« miterlebt.

Maria Alberta Nunes Amado, meist »Dona Alberti« genannt, lebt hier seit 2019, als sie sich die Handgelenke verletzte. Die Brüche sind zwar verheilt, aber schlecht. Sie kann sich nicht selbst im Alltag behelfen, sogar das halten eines Buches ist ihr unmöglich. Deshalb spricht sie ihre Gedanken in einen digitalen Rekorder. Ihre Gedanken schließen oft mit kleinen Gedichten oder Aphorismen, manche offenkundig oder symbolisch wie ein Haiku, andere geheimnisvoll wie die Gedichte von Emily Dickinson.

Leseprobe:

Dies ist der Ort des Exils. Ich wurde auf meinen Wunsch und aus freien Stücken aus meinem Elternhaus hierhergebracht, und ich werde nie wieder dorthin zurückkehren, ebenfalls aus freien Stücken. Das Leben ist ein Bogen, es hat einen Anfang und ein Ende, es beginnt in einer Wiege, es geht aufwärts, und von einem bestimmten Punkt an fällt die Kurve ab, bis wir uns der Erde hingeben, wieder in einer Holzkiste, die sich von einer Wiege in nichts unterscheidet.

Sie scheint eine sensible alte Dame zu sein, die sich wehmütig an ihr Haus und seinen Garten erinnert, an die Blumen und Bäume, die Blühen und Früchte tragen und jetzt in der einen oder anderen Weise gepflegt werde müßten – Dona Alberti weiß alles noch ganz genau.

Da draußen gehen drei Monde auf, der erste
beleuchtet das Grün, der zweite beleuchtet das
Blau, der dritte zerwühlt das Bett
– Süße Jugend

Ihre Sensibilität erstreckt sich auf die neue Umgebung, auf ihre Mitbewohner und die Pflegekräfte, die sie teilweise schon erkennt, wenn sie ihr Zimmer betreten, Dona Alberti sie aber noch nicht sehen kann: Lillimunde kommt aus Brasilien und ist an ihrem Parfüm zu erkennen, das nach Bergamotte riecht. Die »Bosch-Maschine« ist eine kräftig gebaute, zuverlässige junge Pflegerin.

Ich gehöre zu den Menschen, die nicht glauben, dass die Hoffnung als letzte stirbt. Ich glaube, die Hoffnung ist einfach unsterblich. Dieser abwesende Name, der die Auseinandersetzung mit der Nacht unterbrochen hatte, würde auftauchen, wenn ich es am wenigsten erwartete. Ich vertraue voll und ganz auf die Gesetze des Denkens. Sie leiten mich und geben Frieden.

Doch die Attribute zart und einfühlsam werden bald weggeweht, denn Dona Alberti hat auch eine andere Seite: sie ist auch hart und stolz, kann geradezu störrisch die Kommunikation verweigern, sich gegen etwas stellen, selbst wenn manches davon nachvollziehbar ist – wer wollte schon die Selbständigkeit aufgeben und sich dem fremden Tagesablauf eines Heimes und den Anordnungen seiner Leiter unterwerfen? Und doch ist da mehr, als sich in der Beziehung zum Schwiegersohn andeutet, den Dona Alberti duzt, während er, er sich oft aufopfernd um sie kümmert, »Senhora« und mit »Sie« anredet.

Das Verhältnis zur Tochter ist nicht nur gespannt, Dona Alberti kann geradezu boshaft sein! Sie versucht, ihre Tochter zu manipulieren, sie wegen ihrer Kleidung, ihres Schreibens, zu »korrigieren«. Dabei ist die Tochter weder ein Kind noch eine Halbwüchsige, sondern eine erfahrene Frau, die als Schriftstellerin lebt!

Wenn der Ort des Exils sich nicht ab und zu in einen Kinderspielplatz, eine Schule, einen Zirkus, ein Theater, ein Bordell , ein Irrenhaus verwandeln würde, dann wäre dieses Gebäude unerträglich, wenn man es recht bedenkt.

Dann wieder präsentiert sich Dona Alberti als kluge Beobachterin, die sieht, was in einem Altenheim passiert, welche Mißstände es gibt, welche Probleme mit Pflegekräften (auch hier werden fremde Arbeitskräfte aus Brasilien oder Osteuropa eingekauft). Aber es gibt noch bei so alten, kranken Menschen, nicht nur Liebe, sondern Leidenschaft und Begehren, teils mit fatalen Folgen. Das sieht Dona Alberti jedesmal, wenn ein attraktiver Mann neu einzieht: der Sargento João Almeida, Senhor Peraltas, Tenor Tó …

Von April 2019 bis Anfang 2020 reichen Dona Albertis Aufzeichnungen, und damit – für uns überraschend – wird der Beginn der Pandemie in einem Pflegeheim mit einem Mal in einem Roman präsent.

Trauernd vor Traurigkeit
an deiner geschlossenen Tür,
die Schönheit – sie ist fort, und hier
ist nichts geblieben

Lídia Jorge »Erbarmen« (Originaltitel: »Misericórdia«, Dom Quixote, Lissabon, 2022), Roman, aus dem Portugiesischen von Steven Uhly, Secession, fester Einband, Lesebändchen, 430 Seiten, 30,- Euro, auch als e-Book (29,99)

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