Tim Parks »Hotel Milano«
(Postludium zur Trilogie der Mutterschaft)
Als die NMB Rachel Roddys »Pasta von Alfabeto bis Ziti« entdeckten (unsere Rezension: https://neuemusikalischeblaetter.com/2024/10/21/sommer-vorbei/), war im Katalog desselben Verlages auch Tim Parks‘ »Hotel Milano« aufgefallen. Während uns die Corona-Pandemie bei Lídia Jorge (Teil der der Trilogie der Mutterschaft) sozusagen »ahnungslos« erwischte, weil die Aufzeichnungen des Buches bis in diese Zeit reichen, ohne daß es ein »Corona-Roman« wäre, greift Tim Parks das Thema ganz direkt auf: Er schickt seinen Helden Anfang 2020 mitten in einen europäischen Brennpunkt der Pandemie, Mailand.
Keine Mutterschaft, aber eine Vaterschaft besteht immerhin zwischen Frank und seinem Sohn Benny. Allerdings ist Benny nicht anwesend. Auch die verstorbene Rachel nicht mehr, sie ist Teil einer Vergangenheit, die Frank nicht abgeschlossen, mit der er sich noch gar nicht abschließend befaßt hat. Der Journalist hat sich aus dem Geschäft weitgehend zurückgezogen und stellt sich Was-wäre-wenn-Fragen über Personen und Entscheidungen, die er – auf unterschiedliche Weise – in seinem Leben getroffen hat.
Leseprobe:
Auch er trug einen schwarzen Anzug, die bleichen Hände lagen übereinander auf dem Bauch. Ich war versucht, sie zu berühren. Er wirkte vollkommen abwesend. Wie ausgetauscht. Ich konnte überhaupt nicht an Dan Sandow denken. Ich starrte ihn angestrengt an. Diese Hand hatten Connie liebkost. Das ließ sich nicht leugnen.
Da reißt ihn ein Anruf aus seiner komfortablen Zurückgezogenheit: Sein Freund Dan ist gestorben, ob er nicht zur Beerdigung kommen wolle und eine Rede halten könnte? Mit den jungen Leuten, die heute in den Agenturen oder als Journalisten arbeiten, hat Frank kaum noch Kontakt, beobachtet ihr anderes Agieren aus der Distance, aber Dan war ein Freund, außerdem hofft er, seine Ex-Frau Connie zu treffen.
Daß in Europa gerade ein heimtückisches Virus aus Asien angekommen ist und für riesige Probleme sorgt, hat Frank nur am Rande wahrgenommen. Es ist schon grotesk: selbst als sein Mailänder Hotel unter Quarantäne gestellt wird, interessiert er, der Nachrichtenmann, sich kaum für Nachrichten. Was in der Welt passiert, was ihn selbst betrifft, ja, bedroht, scheint er gar nicht wahrzunehmen.
Dann nahm ich die Fernbedienung von einem Silbertablett, setzte mich auf die Bettkante gegenüber dem Bildschirm und machte mich auf alles gefasst. Nicht Snobismus war der Grund gewesen, dass ich meinen Fernseher abgeschafft hatte. Vor vielen Jahren schon. Dass ich keine Zeitung mehr las. Das Radio ausgeschaltet ließ. Ich mag ein Snob sein, aber das tat hier nichts zur Sache. Wie bei einem Alkoholiker, der endlich kapiert, dass totale Abstinenz der einzige Ausweg ist, war auch mein Entschluss eine Frage des Überlebens.
Aber vielleicht hat Frank eine Pause gebraucht oder einen Anstoß, sich mit den Dingen, Fragen, Problemen zu befassen, die er in seinem Leben bisher ignoriert hat. Die Familie zählt ebenso dazu wie seine an sich sehenswerte, aber eben doch nicht in allem glückliche Karriere. Und sein Freund Dan – war er ein echter Freund?
Wir kündigten unsere Jobs. Unsere Wanderschaft nannten wir es. Jetzt liefen wir durch fremde Städte. Schauten Filme in Sprachen, die wir nicht verstanden. Sie überlebte nicht nur dieses erste Jahr, sondern noch fünf weitere. Ich erzählte Deborah, wie sehr sich die so lang hinziehende Intensität uns auslaugte. Jedes Jahr drohte das letzte zu sein und war es dann doch nicht.
Eingesperrt und sich mit Umständen wie Ausgangsbeschränkungen arrangierend beginnt Frank, sein Leben zu hinterfragen. Doch Frank sinniert nicht nur über die Ambivalenz der Beziehung, er beobachtet seine Umgebung. Hier, im Hotel, oben unter dem Dach, findet er Flüchtlinge oder heimliche Existenzen, die dem Virus aber auch nicht entkommen. Frank beschließt, ihnen zu helfen, bringt sich damit aber selbst in Gefahr – ist ihm das bewußt?
Februar 2026, Wolfram Quellmalz
