Cameron Carpenter begleitete Fritz Langs »Frau im Mond« im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘
Gleich im dritten Konzert des Jahres wartete der Dresdner Orgelzyklus am Mittwoch mit einem Höhepunkt auf: der Palastorganist von 2023 / 24, Cameron Carpenter, kehrte für die jährliche Stummfilmaufführung zurück an die Eule-Orgel des Kulturpalastes. Auch der Film selbst war ein Höhepunkt: Nach Klassikern wie »Sunrise« und »Nosferatu« (Friedrich Wilhelm Murnau) stand diesmal Fritz Langs »Die Frau im Mond« auf dem Programm. Gleichzeitig gehörte der Abend zum Programm der Dresdner Stummfilmtage (8. bis 15. März), an denen verschiedene Filme mit Livemusik gezeigt werden.
Der Film, ein frühes Kunstwerk mit Überlänge, ist schon wegen seiner Dauer von 170 Minuten (!) selten zu erleben (außer im Spätprogramm auf arte). Doch er lohnt – nicht nur für Cineasten. Er fasziniert mit seiner Mischung aus Trick und Realität, wenn Modelle, gestaltete und echte Bilder verwoben werden. Damals, 1929, war zwar noch niemand auf dem Mond gelandet, doch photographische Aufnahmen der Oberfläche gab es bereits.

Nicht nur hier hat sich Friedrich Wilhelm Murnau am Stand der Wissenschaft orientiert. In vielem überzeugt der Film durch seine Realitätsnähe gerade in bezug auf die Mondmission. So ist das »Weltraumschiff« eine mehrstufige Rakete und die Raumfahrer müssen sich mit dem Problem der Schwerelosigkeit auseinandersetzen. Daß sich zum Beispiel Flüssigkeiten nicht ausgießen lassen wie auf der Erde, sondern in kugeligen Ballungen schweben, war damals noch Theorie – bis die entsprechenden Erfahrungen gemacht werden konnte, sollten noch fast vierzig Jahre vergehen! Insofern darf man sich fragen, ob die mit »Die Frau im Mond« verbundene Erfindung des Countdowns wirklich nur dem dramaturgischen Effekt diente oder ob sich Friedrich Wilhelm Murnau nicht doch schon der Bedeutung als Prozedur beim Start einer Rakete bewußt war.

Mag einem manches, wie die Vermutung von Vorkommen an Luft, Wasser und Gold utopisch oder fantastisch scheinen – »Die Frau im Mond« unterscheidet sich schon deutlich von George Méliès Kurzfilm »Le Voyage dans la Lune« (1902) mit seinem eher unterhaltenden, heiteren Charakter – beide sind jedoch, durch ein Vierteljahrhundert getrennt, Meilensteine der Filmhistorie. Fritz Lang hat die Handlung zudem um spannende und dramatische Elemente erweitert und eine (unglückliche) Liebesgeschichte eingebaut. Man durfte aber auch schmunzeln, denn Produktwerbung gab es damals ebenfalls schon: Als Professor Manfeldt und Wolf Helius auf die beschlossene Mondmission anstoßen, ist der Schriftzug der (Dresdner) Marke »Odol« auf dem Glas deutlich im Bild zu erkennen.
Da gab es nicht nur visuell viel zu erzählen, sondern ebenso an der Orgel. Die Besucher mußten sich ein wenig gedulden, erst zehn Minuten vor Beginn konnten sie in den Saal. Nach der Sperrung des Kulturpalastes wegen der Bombenentschärfung hatte wohl auch Cameron Carpenter nicht ans Instrument gekonnt und wollte sich noch vorbereiten. Und dies hat er offenbar akribisch getan. Denn wiewohl sein Spiel als »Improvisation« angekündigt war, phantasiert sicher kein Organist für fast drei Stunden »ins Blaue« hinein. Er braucht zumindest einen Ablaufplan, damit seine Dramaturgie und die des Films übereinstimmen.

So zeigte der ehemalige Palastorganist eine weitere Seite oder eine Weiterentwicklung derselben: hatte er für »Nosferatu« noch stimmungsvoll erkennbare Zitate eingewoben, entschied er sich für einen geradezu sinfonischen Weg, in dem zwar hier und da Anklänge auftauchten, aber eher subtil. Da mag der Beginn an Wagner (Tannhäuser) erinnert haben, so wie man im Finale, als ein Mitglied der Mondmission auf dem Trabanten zurückbleiben soll, ein »Say-goodbye«-Motiv hören mochte, vor allem untermalte Cameron Carpenter die Stimmung der Handlung, die selten ruhig floß, oft von Anspannung, Gefahr und Risiko gekennzeichnet war. Das wußte Carpenter mit Clusterakkorden ebenso zu schärfen, wie er dem Bildfluß ohne Unterbrechung musikalisch folgte. Natürlich gehörten Geräuscheffekte (energisches Türklingeln) dazu, aber sie waren noch stärker eingebettet als bei »Nosferatu« oder einem kurzen Unterhaltungsfilm. Der sonst gern spektakulär wahrgenommene Organist blieb also wie schon im Fall von »Nosferatu« »hinter« dem Film bzw. stand im Dienst der Sache und sorgte mit den sprichwörtlich gezogenen Registern dafür, daß der überlange Abend das Versprechen eines Höhepunktes einlösen konnte.
12. März 2026, Wolfram Quellmalz