Ordnung muß sein!

Überbordende Sammelleidenschaft in der Alten Musik gab es schon früher

Das Ensemble Fürsten-Musik haben wir schon oft im Konzert erlebt, unter anderem anläßlich des 300. Geburtstages der Kurfürsten-Komponistin Maria Antonia Walpurgis (2024). Doch das Ensemblegibt seine Kenntnisse auch regelmäßig weiter. Am vergangenen Wochenende war es mit einem Frühjahrsworkshop »Von der Quelle bis zur Aufführung« in den Räumen der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) zu Gast, wo viele historische Quellen bewahrt werden, und gewährte neugierigen Musizierenden nicht nur den Zugang zum Notenbestand aus dem berühmten »Schranck No. II«, dessen Fundus durch Sammler wie Maria Antonia Walpurgis oder den Konzertmeister Johann Georg Pisendel angelegt wurde, sondern half beim Einrichten und Übertragen der Musik.

Anne Schumann dankte im Rahmen des Abschlußkonzertes am Sonntag all jenen Komponisten und Musiker, die damals Noten, die sie (zumindest im Moment) nicht mehr benötigten, nicht ins Feuer geworfen (was häufig passierte), sondern aufbewahrt haben. Doch »sammeln« bedeutet noch mehr: nicht nur Notenpapier stapeln, die Sammler haben Verzeichnisse angelegt, was wo enthalten ist, nebst Hinweisen zu Urhebern, Gesangstexten, Besetzungen etc.

Jean-Féry Rebels Ballett»Les caractères de la danse« (links) nahm sich Johann Georg Pisendel zur Vorlage für eine Suite (rechts), Photo: NMB

Es lohnt nicht nur, diese Quellen zu sichten, es ist dringend notwendig, wenn man Alte Musik spielen will. Denn viele Abschriften sind bereits eingerichtet, wurden also verändert; teils von Musikern, teils von Verlegern, die ein »Produkt« aufwerten wollten. Die Sammlungen oder Kataloge, wie sie Maria Antonia Walpurgis akribisch angelegt hat, sind daher wichtig bei der Erschließung historischer Quellen. Im Workshop konnten die Teilnehmer erfahren, wie man mit solchen Katalogen, aber auch den alten Notenbestand umgeht.

Denn nicht alles, was später aufgearbeitet wurde, ist korrekt. Die freie Notenbibliothek IMSLP ist ein großartiger Zugang gerade für Laienmusiker oder um Nischenrepertoire zu ergründen. Aber zu den über 853.000 (!) dort enthaltenen Werken fehlen oft Vorworte oder wissenschaftliche Kommentare – ob ein sauber aussehendes Blatt Fehler enthält oder nicht, läßt sich gar nicht einschätzen. Ebensowenig, inwieweit ein Bearbeiter eingegriffen hat, um das Aufführungsmaterial für sich einzurichten.

Einblick in den Katalog von Maria Antonia Walpurgis, Photo: NMB

Die Folgen spürt man dagegen schon, wie Ulrich Wedemeier, einer der Dozenten, bestätigte: auf seiner Laute ist es mühselig, dem aufbereiteten Basso continuo, den sich jemand für alle zehn Finger und das Cembalo notiert hat, zu folgen. Ganz zu schweigen von anderen Hürden im Verständnis oder Lesen der Noten, wie Tabulaturschriften oder der Verwendung anderer Schlüssel als der gewohnten.

Notenquellen von Anonymus (Telemann?, links) und Graf (rechts), Photo: NMB

Solche akribische Aufarbeitung stand im Mittelpunkt des Workshops. Daher konnten für das Abschlußkonzert auch nicht – wie sonst – vorab zu Hause Stimmen vorbereitet und geprobt werden. Die drei Dozenten (neben Anne Schumann und Ulrich Wedemeier war Klaus Voigt mit der Viola da Spalla dabei) legten mußten dies mit den sieben Teilnehmern erst erarbeiten, fanden aber im Abschlußkonzert zu einer erstaunlich ausgewogenen Interpretation.

Für das Publikum bedeutete dies das Kennenlernen von sechs Werken bzw. Komponisten nebst deren Einordnung, wie Suiten, die einem Ballett oder einer Oper entnommen waren. Bei manchen konnte man nur vermuten, wie ihre Werke nach Dresden gekommen sind – eben weil Sammler wie Maria Antonia Walpurgis sie es wert fanden, notiert und erhalten zu werden.

Abschlußkonzert zum Frühjahrsworkshop »Von der Quelle bis zur Aufführung« in der SLUB, Photo: NMB

Neben den berühmten Johann Georg Pisendel, Carl Heinrich Graun und Johann Anton Reichenauer waren Johann Christoph Schmidt, der zu unrecht vergessene Johann Graf (dessen Sonate für Violine und Basso continuo zu den schönsten Stücken des Vormittages zählten) sowie eine eigenwillige Satzfolge von Melchior d’Ardespin zu hören. Natürlich fand auch ein Werk des fleißigen Anonymus einen Weg ins Programm – manche vermuten, das D-Dl Mus. 2-Q-21,1 (Signatur des Schranck No. II) könnte aus der Feder Georg Philipp Telemanns stammen.

23. März 2026, Wolfram Quellmalz

Anne Schumann bedankte sich für die großzügige Betreuung durch die SLUB, vor allem von Katrin Bicher und Dr. Andrea Hammes, und lud zu den nächsten Konzerten ein: am 4. Juli ist das Ensemble Fürsten-Musik im Schloß Pillnitz zu Gast, im Oktober steht ein Konzert im Marcolini-Palais auf dem Programm.

CD-Tips: Ensemble Fürsten-Musik »Musikalische Unterhaltung bei Hofe«, Sonaten und Partien von Johann Graf & Carl Hoeckh, Konzert-Mitschnitt vom 21. Juni 2025 (18. Internationalen Fasch-Festtage Zerbst) sowie »Johann Graf. Sonaten für Violine und Basso continuo«, mit Anne Schumann / Violine, Klaus Voigt / Viola da spalla und Sebastian Knebel / Cembalo, erschienen bei Genuin

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