Französischer Tanz

Dresdner Philharmonie findet in der Romantik unserer westlichen Nachbarn viel Ballettmusik

Gleich zwei Neuzugänge verzeichnete die Dresdner Philharmonie am Sonnabend im Kulturpalast: sowohl Dirigentin Anja Bihlmaier als auch Pianist Behzod Abduraimov feierten ihr Debüt. Ursprünglich war Bertrand Chamayou vorgesehen gewesen, und manch einer hatte sich vielleicht auf den Franzosen gefreut, der in Dresden unter anderem mit einem farbig ausgestalteten Liszt-Klavierkonzert aufgefallen war.

Doch bevor statt seiner Behzod Abduraimov die Nagelprobe bestand, gab es noch ein drittes Debüt zu feiern – Louise Farrencs Ouvertüre Nr. 2 (Es-Dur). Die Komponistin wird zu recht für ihr Vermögen, Werke zu orchestrieren, gelobt, was an einem Abend, der zu Hector Berlioz führen sollte, einen angemessenen Auftakt versprach. Instrumentation, so banal es klingen mag, hat schon manchen Sinfoniker verzweifeln lassen! Doch Louise Farrenc vermochte durchaus mehr, wußte Kolorit und Stimmungen zu erzeugen und ihnen einen lebendigen Rhythmus einzuhauchen, Bilder zu evozieren. Das zumindest war das Resultat unter dem Dirigat von Anja Bihlmaier, das auf einen Akkordschlag Entspannung folgen ließ und eine Opernatmosphäre, wenn nicht mehr erzeugte. Denn unter dem dichten Gewebe schien nicht allein eine Geschichte zu lauern, sondern durchdachte, choreographierte Bewegung, als sei es eine Ballettouvertüre.

Behzod Abduraimov, Photo: © Evgeny Eutykhov

So farbig und rhapsodisch sollte es bleiben. Camille Saint-Saëns‘ zweites Klavierkonzert ist ein virtuoses Schau-Stück, das aber wesentlich von den Reflexen lebt, die der Pianist in seinem Spiel erzeugt – wie phantasierend hob Behzod Abduraimov das Andante an, das sich bald in dramatische Höhen aufwarf. Der Ruf der Oboe (Johannes Pfeifer) ragte mit gezielter Schärfe aus dem Orchester heraus, das sich bald milder und weicher um den Solisten schloß.

Selbst wenn dies keine Ballettmusik war, blieb Anja Bihlmaiers Blick auf rhythmische Strukturen wesentlich. Die hüpfenden, eilenden Takte des zweiten Satzes ließ sie nicht zu luftig aufbauschen, sondern baute zwischen Bläsern und Streichern eine Federspannung auf, die den Kontrast zum virtuosen Klavierpart hielt. Auch den gedrängten »Bienenschwarm« im Presto fing das Orchester auf, ließ ihn präzis in die Spitze laufen und fing den »Fall« mit den Holzbläsern auf. Behzod Abduraimovs Geläufigkeit stand dazu in schönem Gleichgewicht. Behend reichte er – wie eine Abendbrise – Sergej Rachmaninows Prélude Nr. 5 aus Opus 32 nach.

Den Umgang mit Strukturen übte Anja Bihlmaier noch stärker in der Symphonie fantastique von Hector Berlioz, obwohl sie in den Binnensätzen manchmal zu stark auf ein beidhändiges Taktgeben konzentriert blieb. Immerhin war dies aber die Basis dafür, entweder das Tempo zu halten oder die Dramaturgie auszuformen, die eben nicht immer linear »nach oben« führte, sondern zirkular (Walzer des zweiten Satzes) lief oder sich in Stufen steigerte.

Darüber oder darum entfacht Berlioz aber ein berauschendes Ereignis, das fast ins Inferno eines Hexensabbats führte. Vor allem der Auftakt – als wolle er Farrenc folgen und sie steigern – schien die Opern- bzw. Ballettstimmung der Kollegin fortzusetzen. Noch trugen die Violoncelli gediegen, glichen die Pizzicati der Kontrabässe Schritten der Tänzer – im Tutti der Streicher sublimierte sich bald die belebende Idee fixe, Berlioz‘ phantasievolle Grundlage der ganzen Sinfonie.

In Sachen Instrumentierung und sinfonischem Kolorit war Berlioz ein Meister, aber er ließ auch Kantilenen und Echos entstehen, wie immer wieder mit den Flöten (Solo: Marianna Julia Żołnacz), denen die Trompeten im Stakkato folgten. Als markante Nuance traten die Klarinetten aus dem Holzbläserquartett heraus.

Idyllisch beschrieben Isabel Kern, die ihre Oboe gegen das Englischhorn getauscht hatte, und Johannes Pfeiffer als Echo hinter der Bühne die Szene auf dem Lande. Dem »Gang zum Richtplatz« ging dagegen ein wenig Spannung verloren, selbst wenn die Blechbläser toll »hereingeplatzt« waren und das Fagott gegenüber der Oboe für eine Verdunklung gesorgt hatte – das Satzfinale klang eher nach freudigem Tusch als Richtplatz. Doch im »Traum vom Hexensabbat« mit seiner grotesken Verzerrung wurde nicht nur die Szene lebendig, sondern – mit Glocken und reichen Blechbläsern – auch die Spannung des (Alp)traums.

22. März 2026, Wolfram Quellmalz

Hinterlasse einen Kommentar