Barocke Vielfalt mit einem Mangel an Glanz

Ensemble Interchange widmete sich bei den Thüringer Bachwochen vor allem Komponistinnen

Die Thüringer Bachwochen locken seit 27. März und noch bis zum 19. April Gäste an historische und musikalische (Bach)orte des Freistaates. Lebens- und Wirkungsorte Johann Sebastians wie Eisenach, Weimar und Sondershausen gehören ebenso dazu wie das repräsentative Schloß Friedenstein in Gotha. Am Karsamstag präsentierte hier das fünfköpfige Ensemble Interchange Musik vor allem von Barockkomponistinnen.

Während manche von ihnen, wie Barbara Strozzi, Francesca Caccini, Isabella Leonarda oder Élisabeth-Claude Jacquet de La Guerre bis heute berühmt blieben oder wieder geworden sind, gehören andere einem Kreis damals hoch geschätzter, heute noch wiederzuentdeckender Komponistinnen an, wie Leonora Duarte.

Interssante Frauen gab es schon immer! Hans Holbein der Älteren »Heilige Katharina« (Temperafarbe auf Holz, 39,5 x 28,4 cm, circa 1509-1510), Herzogliches Museum Schloß Friedenstein, Gotha, Bildquelle: Wikimedia commons
Das Gemälde »Heilige Katharina« war eines von fünf Bildern, die am 14. Dezember 1979 aus der Gemäldesammlung von Schloß Friedenstein gestohlen wurde – es handelte sich um einen der größten Kunstraube in der Geschichte der DDR. Erst 2019 tauchten die Bilder wieder auf. Heute könne sie wieder an ihrem angestammten Platz betrachtet werden.

Mit der kurzen Sinfonia VII begann das Ensemble sein Konzert, leider blieb es bei dieser einen kleinen Kostprobe. Zwar boten Friederike Vollert und Matija Chlupacek (Blockflöten), Sara Roque Coroado (Barockcello), Felix Ritter (Laute) und Tung-Han Hu (Cembalo) viele weitere Einblicke, doch gelang es ihnen nicht, diese wirklich zu vertiefen. Das lag nicht zuletzt an den häufigen Moderationen, bei denen das Modethema »Frauen« allzusehr und oberflächlich im Vordergrund blieb. Zwar mögen manche Verweise auf die spätere Romanliteratur und die Rolle der Frauen dort (sowie ihre Texte) interessant sein, nur waren die meist englischen Zitate zu lang und zu wenig eingeordnet. Und sie hatten – nicht nur bei Virginia Woolf – wenig mit den Barockkomponistinnen zu tun. Natürlich ist das Rollenbild wert, hinterfragt zu werden, doch genügte der gewählte Ansatz nicht, die sehr unterschiedlichen Lebenswege und Werkhintergründe zu erhellen.

So hätte man sich gerade von oder über Leonora Duarte, die viel Consortmusik geschrieben hat, mehr gewünscht. Eine historische Einordnung wäre innerhalb der Familie durch ihren Bruder sowie den bedeutenden Staatsmann, Botschafter und Philosophen Constantijn Huygens naheliegend gewesen! Auf die heute fast vergessenen männlichen Komponisten Giovanni Battista Buonamente oder Biagio Marini ging Matija Chlupacek, der die meisten Moderationen besorgte, gar nicht ein.

Musikalisch war das Konzert ausgewogen, trotzdem schien das Herzblut zu fehlen. In der Besetzung blieb das Ensemble flexibel, trat einmal als Trio oder solistisch nur mit Lautenbegleitung hervor, was Vielfalt und Abwechslung unterstrich. Auch die Idee, das anonym überlieferte Liedthema »Une jeune fillette« als Verbindungselement zu nutzen und wiederkehren zu lassen, war durchaus pfiffig. Allerdings ging mit den dürftigen Programminformationen des Konzertblattes manchmal der Überblick verloren.

Angenehm, bereichernd und belebend wirkten die Stimmwechsel zwischen den Flöten (vom Sopranino in vielen Größen »abwärts«) und vor allem dem Barockcello, während Cembalo und Laute meist für einen ebenso flexiblen Basso continuo sorgten. Die intimsten Momente waren den ursprünglich gesungenen Titeln wie Barbara Strozzis »Che si può fare« (Was kann man da machen?), aber auch den Sonaten von »Mrs Philharmonica« vorbehalten. Von dieser anonymen Person ist gar nicht bekannt, wer sie war. Ein Mann, vielleicht aus dem öffentlichen Leben, der seine Identität verschleiern oder sein »Phantom« mit einem weiblichen Pseudonym interessanter machen wollte, ist ebenso denkbar wie eine tatsächlich unbekannte Komponistin.

Johann Sebastian Bach sollte zu den Bachwochen denn doch nicht fehlen und war mit zwei Sätzen aus einer seiner schönsten Triosonaten (G-Dur, BWV 1039) vertreten, wie auch Anna Magdalena Bach, indirekt durch ihr Notenbüchlein, in dem unter anderem Gottfried Heinrich Stölzels »Bis du bei mir« verzeichnet ist – eines der anrührendsten Werke des Abends. Schade nur, daß Matija Chlupacek ein weiteres Mal eine Andeutung in den Raum stellte, in diesem Fall Werke von Anna Magdalena oder den Bach-Töchtern, über die so wenig dokumentiert ist. Jedoch: einen Anhaltspunkt, daß eine von ihnen komponiert habe, gibt es nicht wirklich – wozu die nicht hinterlegte Behauptung?

Dabei lag das Thema den jungen Musikern sicher wirklich am Herzen, wie eine Auftragskomposition zeigte, die sie vergeben hatten: Henrik Dewes‘ »Nachahmung«, als Annährung an Anna Magdalena Bach oder Gedankenspiel, wie sie durch die musikgefüllte Leipziger Wohnung geht, gehörte als Uraufführung zum Programm. Für den Barock hätte man sich dennoch mehr Funkeln gewünscht!

6. April 2026, Wolfram Quellmalz

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