Zwischen Sologesang und Sinfonik

Violinklasse präsentierte sich mit »Violine plus« im Marcolini-Palais

Die Dienstagskonzerte im Marcolini-Palais des Krankenhauses Friedrichstadt werden zu einem wesentlichen Teil durch die Klassen der Musikhochschule gestaltet. Diesmal waren es Studenten und vor allem Studentinnen von Annette Unger. Und sie stammten alle aus unterschiedlichen asiatischen Staaten, von Südkorea über Taiwan bis China. Was aber nicht zwangsläufig bedeutet, daß es bei uns keine Studenten mehr gäbe oder sie zu »faul« wären, Violine zu studieren. Vielmehr ist die Professorin selbst in Jurys in Asien vertreten und kann von dort, handverlesen sozusagen, Neuzugänge an die hiesige HfM bringen. In der Regel sind dies also keine Anfänger, sondern gehören an ihren Heimatschulen bereits zu den besten.

Das wollen sie auch hier werden, und so bereiten sich manche von ihnen für kommende Wettbewerbe vor. Im Programm waren daher vier der »Aphoristischen Studien« Opus 50 von Hans Börner zu hören. Werke des Dresdner Komponisten gehören zu den Pflichtstücken beim Szymon Goldberg Wettbewerb (19. bis 23. April auf Schloß Colditz). Natürlich ist ein Klassenabend ohne Johann Sebastian Bach kaum denkbar. So wie die für die Violine so wichtigen Eugène Ysaÿe und Niccolò Paganini.

Älteste Darstellung von Schloß Colditz auf einem Gemälde »Das goldene Zeitalter« von Lucas Cranach dem Älteren. Es zeigt das Schloß um 1523 noch mit den Renaissancegiebeln (Ölfarbe auf Holz, 75 x 103,5 cm, circa 1530), National Museum of Art, Architecture and Design, Oslo, Bildquelle: Wikimedia commons

Der Anfang kam manchen bekannt vor, denn Antonio Vivaldis Allegro für vier Violinen mit seinen fugierten Einsätzen hatte Johann Sebastian Bach fasziniert, der manche der Werke Vivaldis für die Orgel oder vier Klaviere bzw. Cembali eingerichtet hatte. Freilich klingen die Violinen, auf denen Yunseo Lee, Jungsun Han, Sungryung Lee und Seunghee Jung bewiesen, wieviel mehr Möglichkeiten man hat, einen Ton zu gestalten, noch ein wenig frischer. Die vier Studentinnen befinden sich bereits im Masterstudiengang, während andere noch im früheren Bachelorstadium sind, ohne daß sich der Eindruck ergab, ihr Anteil oder Vermögen wäre geringer.

Yunseo Lee setzte mit Sarabande (schön »gesungen«) und einer impulshaften Gigue Bachs Partita II (BWV 1004) fort, die Suin Oh sehr ernsthaft begonnen hatte. Später folgten Sarabande und Double aus Partita I (BWV 1002) mit Seunghee Jung sowie Grave und Fuge aus Sonate Nr. II (BWV 1003) mit Jungyeon Kim. Jungsun Han hatte mit der Gavotte en Rondeau aus Partita III (BWV 1006) ein Lieblingszugabenstück vieler Violinisten mit gemessenen Schwung präsentiert.

Wie weit die virtuose Darstellungskraft reichen kann, hatten unter anderem Niccolò Paganinis Caprice Nr. 20 aus Opus 1 (Sungryung Lee) und Sarabande und Finale aus Eugène Ysaÿes Sonate Nr. 4 bewiesen. Während Paganini aus langgezogenen Tönen und »Schluchzern« allmählich Schwung gewann, beeindruckte Ysaÿes für Fritz Kreisler geschriebene Sonate mit ihrem Einfallsreichtum, der schon in den ersten Pizzicati für einen tragfähigen Klang sorgte und sich – nun gestrichen – in lebendigen Wellen fortsetzte. Das Ende steigerte sich noch einmal in eine Caprice.

Neben solchen virtuosen Gipfelpunkten waren Charakterstücke zu hören. Hans Börner hatte »Aphoristischen Studien« geschrieben, deren Largo mit dosierten Pausen die Aufmerksamkeit konzentrierte, bevor sich im Maestoso die Lebendigkeit eines kleinen »Hummelflugs« offenbarte (beides Suin Oh). Sungryung Lee setzte diese Studien später mit einer Polka und Mazurka sowie einer Zigeunerweise fort, die zunehmend Temperament bewiesen.

Ein Klassenabend zeigt immer den aktuellen Stand der Arbeit. Insofern spielten manche frei, andere mit Noten. Dozentin Jaehee Jun unterstützte einzelne Titel am Klavier, wie Josef Hellmesbergers Romanze für vier Violinen und Klavier (mit Yunseo Lee Seunghee Jung, Jungsun Han und Youbin Kim) oder den Abschluß, Moritz Moszkowskis Suite c-Moll (Youbin Kim und Rohmi Chung) – sonst kennt man Hellmesberger am ehesten vom Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker!

Den vielleicht größten, weil fast sinfonischsten Eindruck hinterließ Zhenping Deng mit einer Fassung von Rachmaninows Prélude Opus 23. Nr. 5. Das Alla marcia, ursprünglich für Klavier geschrieben, kennt man eher noch als Orchesterbearbeitung, mit der Violine solo war es noch eine Spur extravaganter!

8. April 2026, Wolfram Quellmalz

Das Konzert war gleichzeitig Dernier der aktuellen Ausstellung im Marcolini-Palais. So wie HfM und HfBK in den Jahresproduktionen der Opernklasse kooperieren (Premiere von Mozarts »Don Giovanni« am 17. April), begegneten sich diesmal die Musik der Violinklasse mit den Objekten und Bildern der Ausstellung »Alles nur Theater | 5. Akt« (noch bis 22. April in den Fluren des Marcolini-Palais‘).

Szymon-Goldberg-Wettbewerb:

Hinterlasse einen Kommentar