Eruptiver Traumwandler
Obwohl noch kein »Alter«, hat Arcadi Volodos bereits eine erstaunliche Wandlung hinter sich. Vom kraftvollen Virtuosen, der auch schon Aufnahmen mit Stücken des »Encore-Repertoires« veröffentlicht hat, wandelt er sich mehr und mehr zum einfühlsamen Poeten. Daß dies Kraft nicht ausschließt, bewies er am 4. März im Gewandhaus, als er schon bei Johannes Brahms‘ Thema mit Variationen d-Moll, op. 18b, (beinahe) die gesamte dynamische Palette des Steinway-Flügels, Modell D, ausnutzte. Brahms‘ Eigenbearbeitung des Andante ma moderato aus dem Sextett für Streicher kommt eigenwillig daher, nicht zuletzt kennt man es in dieser Form kaum, sondern das harmonischere Original aus dem Kammermusiksaal. Arcadi Volodos begann seinen Abend mit aufwallenden Emotionen, aufbrausend, stürmisch – ein junger Brahms, ein wenig an Erfahrung weise schon vielleicht, sonst wäre er geborsten… Doch was dem Hörer zunächst ans Ohr zu stoßen scheint, gewinnt mehr und mehr an Farbe, an Ruhe, an Harmonie. Nach der ersten, sehr hart gegriffenen Variation hüft, springt und wogt Volodos durch die folgenden, stürmt, beginnt zu träumen, haucht, sinniert düster-umwölkt. Immer tiefer versinkt Volodos in Pianissimi, aus denen kleine Melodiebögen, Blitzen gleich, auftauchen, immer feiner gerät sein Anschlag, immer detailreicher gestaltet er das Werk, und bereitet die Zuhörer so auf den Brahms-Kosmos vor, der nun folgen wird.
Die sechs Klavierstücke op. 118, mehr als zwanzig Jahre später und während Brahms‘ Lebensabend entstanden, spiegeln im Rückblick das erlebte wider. Zumindest unterstellt man den 1893 entstandenen Stücken gern den Wert eines Vermächtnisses. Hier hatte Brahms seinen träumerischen Ton längst gefunden, Volodos wiegt sich darin, ironische Ideen blitzen auf, ein Wiegenlied, ein Blumenbukett, gebunden in Rhapsodien. Die Feinsinnigkeit und Gediegenheit, wie sie Arcadi Volodos in den letzten Jahren entwickelt hat, tun den sechs Klavierstücken wohl. Verschmitzt, lächelnd, wohlwollenden umschmeicheln sie das Publikum – da ist man gespannt auf mehr…
Und dies folgt nach der Pause: Franz Schuberts letzte Sonate, B-Dur, D 960. Also noch ein Vermächtnis. Arcadi Volodos hat sein „Maß“ gefunden, das sich nicht nur im Aushalten der Schlußakkorde zeigt, die weder abbrechen, noch in die Länge gezogen werden, auch in Motiven und Schattierungen läßt er wachsen, entstehen, entdeckt. Zum Beispiel grummelt seine linke Hand im ersten Satz ein Gewitter herbei, welches die Lyrik Schuberts zu bedrohen scheint. Doch sie (Lyrik) bzw. er (Schubert) lassen sich nicht beeindrucken. Im zweiten Satz aber wird daraus ein neues Thema entstehen, eingehüllt in Piani – spätestens jetzt ist Arcadi Volodos zum vollendeten Poeten geworden, der nun geschwind durchs Scherzo hüpft, um im abschließenden Allegro ma non troppo ein Drama zu entwickeln. Allein wie dies ausklingt (im rechten Maß), das ist träumerisch.
Vier Zugaben hat der Pianist im Gepäck, die braucht es auch, noch einmal virtuose Verspieltheit (de Falla) aufblinken zu lassen und einen Ruhepunkt (Bachs Siciliano bzw. Largo E Spiccato aus dem Konzert d-Moll BWV 596, eigentlich für die Orgel geschrieben, eine Bearbeitung von Antonio Vivaldis Konzert für Violine op. 3 Nr. 11) zu finden. Man darf gespannt sein – auf Sokolov und Volodos folgt im Mai Hélène Grimaud…
7. März 2015, Wolfram Quellmalz