Seit dem vergangenen Jahr präsentiert eine neue Konzertreihe junge Pianisten dem Dresdner Publikum. Als »Junge Meister« gelten solche, die international bereits Erfolge vorzuweisen haben, jedoch noch nicht so bekannt sind. Für die Konzerte im Cosel-Palais stehen Flügel der Leipziger Carl Rönisch Pianofortemanufactur zur Verfügung.
Im vierten Konzert des Jahres stellte sich Marianna Storozhenko, die kurz zuvor im Rahmen eines Absolventenkonzertes bereits im Konzertsaal der Musikhochschule zu erleben war, dem Publikum in einem Recital-Konzert vor.
Betrachtet man – ganz allgemein – die Programme junger Pianisten, so fällt auf, daß diese oft die großen Werke der Klassik in den Mittelpunkt stellen, Stücke, die das Publikum kennt, die gut anzukommen versprechen, virtuos oder in anderer Weise beeindruckend sind. Das ist schade, denn es gäbe abseits dieses Repertoires so viel zu entdecken! Und nicht zuletzt haben Schubert und Beethoven auch phantastische frühe Sonaten geschrieben. Hier kann man den jungen Nachwuchskünstlern eigentlich nur mehr Mut wünschen, denn an Einfallsreichtum wird es nicht mangeln. (Ähnliches ließe sich übrigens über Violinisten sagen.)
Auch in Marianna Storozhenkos Programm fielen zunächst diese Schwerpunkte auf: Beethovens vorletzte Klaviersonate op. 110 – ein »Titanenstück« –, Liszts »Tarantella« und die Préludes N1. bis 15 op. 28 von Frederic Chopin. Nanu – Nr. 1 bis 15? Das Opus enthält 24 Préludes, die eigentlich alle (als Zyklus) oder in Auszügen gespielt werden. Die ersten fünfzehn wirkten auf dem Papier wie unvollständig.
Soweit zum Programm. Doch dieses enthielt auch andere Werke, zwei Sonaten aus dem reichhaltigen Schaffen Domenico Scarlattis zum Beispiel sowie Stücke Sergej Rachmaninows. Beethovens op. 110 bewältigte Marianna Storozhenko technisch einwandfrei, zeigte dabei eine Vorliebe für gewichtige, »schwerblütige« Interpretationen. Mit donnernden Bässen formte sie schon im ersten Satz ein Drama, trieb an. Ein energischer Beethoven, der im ausladenden dritten Satz den Höhepunkt erfuhr. Der formal sechsteilige Satz enthält eine Fuge mit einem anschließenden tempo di Arioso, hier gelang Marianna Storozhenkos eine schöne Umkehr und Beruhigung. Daß dieser Sonatengipfel noch Spielraum für Ausdruck und Entwicklung ließ, ist nachvollziehbar – andere Pianisten beschäftigen sich ein Leben lang mit dem Œuvre Beethovens. Auch Liszt geriet technisch makellos und geschwind, auch hier aber blieben noch Wünsche hinsichtlich der Interpretation, der »Belebung« offen.
Nach der Pause wurde Marianna Storozhenkos Spiel zunehmend freier. Besonders schön gelangen ihr die Préludes 7, 9, 13 und 14 von Frédéric Chopin, die sie leicht und heiter, mit Drama, verträumt und mit Zorn interpretierte. Anderen, wie dem »Regentropfenprélude«, hätte man mehr Beseeltheit gewünscht. Hier einzelne auszuwählen hätte den Charakter noch hervorgehoben. Noch gelöster waren abschließend zwei Klavierstücke Sergej Rachmaninows: Étude-tableaus Nr. 8 aus op. 33 und »Liebesleid«. Fremd, exotisch klang das Étude-tableaus. Man fühlte – hier war die Pianistin »zu Hause«. Vollgriffig und ausdrucksstark gestaltete sie einen Rachmaninow, der auch bei zunehmenden forte differenziert blieb. Das anschließende »Liebesleid« erzählte seine Geschichte heiter, im Rückblick, mit Selbstironie (alles nicht so schlimm!).
Vor allem diese zweite Konzerthälfte ließ viel von der Persönlichkeit der Pianistin aufblitzen. Zum Abschluß spielte Marianna Storozhenko als Zugabe im Stile einer freien Phantasie die Kadenz aus einem Mozart-Konzert im Stile einer freien Phantasie. Eine Kleinigkeit vielleicht – ein Kleinod. Das beste kommt eben manchmal zum Schluß!
21. April 2015, Wolfram Quellmalz
Hier finden Sie die Kritik des Absolventenkonzertes mit Marianna Storozhenko:
https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2015/04/15/gelungene-kooperation/