Das Pianofortefest Meißen mit Spielorten auch in Graupa und Coswig stellt zwischen Juni und September viele junge Nachwuchspianisten vor, Preisträger allesamt, doch auch gestandene Meister wie Till Engel (20. September, Villa Teresa) sind eingeladen. Mit einem traditionellen Clavichordkonzert (15. August, Prälatenhaus Meißen) pflegt man die besonders leisen Töne.
Am 7. Juni war Konstantin Shamray in den Richard-Wagner-Stätten Graupa zu Gast, auf seinem Programm: Beethovens Sonaten Nr. 10 und 21, also auch jene berühmte, dem Grafen von Waldstein gewidmete. Damit sind wir schon beim Punkt, nennen Sie es auch gerne »Problem«: Warum wählen so junge Pianisten (Shamray ist 1985 geboren) so oft die großen Meilensteine der Musikliteratur? Die späten oder gar Spätwerke, die Monumente? Hält sie niemand zurück? Wird der Zugang zum Stück an den Hochschulen nicht vermittelt, kein Maß? Keineswegs soll hier in Abrede gestellt werden, daß es auch in der jungen Generation der Pianisten (gleiches läßt sich übrigens über die Violinisten sagen) solche gibt, die Werke wie Schuberts B-Dur Sonate oder eben die »Waldstein« bewältigen, nur – es muß doch nicht sein! Aus dem Bewältigen wird sonst schnell Gewalt, und dieser Gefahr ist auch Konstantin Shamray nicht entgangen, leider. Dabei hatte ihm der Veranstalter ein besonders schönes Instrument zur Verfügung gestellt, einen kleinen Bösendorfer-Flügel. Daß dieser prächtig klingt, einen warmen Ton in den Saal des Jagdschlosses verströmen kann, davon durften sich die Neuen (musikalischen) Blätter schon überzeugen.
Beethoven war an diesem Nachmittag leider kein Gewinn. Konstantin Shamray spielte mit sehr viel Kraft, das grenzte schon an grobe Gewalt und verhinderte jede Entfaltung, sei es nun Melodiösität oder dramatischer Gehalt. Zudem schlichen sich nicht wenige Fehler ein – hier hätte sich der Pianist die Zeit zur Reife lassen sollen. Und dies erstaunt, denn in seiner Vita ist auch ein Preis für die beste Interpretation eines Mozart-Stückes vermerkt!
Hoffnung versprach da der zweite Teil mit Stücken der Russischen Schule, auch deshalb, weil dies nun keine bekannten Werke waren. Sergej Tanejews Präludium und Fuge gis-Moll, Sergej Prokowjews fünf »Sarkasmen« sowie eine Sonate des hierzulande unbekannten Nikolai Mjaskowski. Letzteren Namen ist dem einen oder anderen Musikfreund vielleicht schon einmal untergekommen, weil er mit Gliere, Prokowjew und Rimski-Korsakow bekannt gewesen oder deren Schüler gewesen ist. Doch seine Werke? Von solch einem Programm durfte man auch einen persönlichen Zugang und ein hohes Maß an Auseinandersetzung seitens des Pianisten erwarten. Doch wurde man erneut enttäuscht.
Kraftvoll packte Konstantin Shamray auch hier zu, allzu kraftvoll. In Prokowjews »Sarkasmen« klangen viele Farben an, die ein großes Spektrum versprachen. Auch Tanejews Fuge machte neugierig, doch blieb Konstantin Shamray unter den gestalterischen Hoffnungen. Am besten war schließlich ein Nocturne Peter Tschaikowskys als Zugabe.
8. Juni 2015, Wolfram Quellmalz