Am Freitagabend begann in der Schloßkapelle das Dresdner Kunstfest. In extrem kurzer Zeit – die Anfänge lagen im April dieses Jahres – war es von seinem künstlerischen Leiter Daniel Kühnel auf die Beine gestellt worden. In ihrer Begrüßung zum »Auftakt« genannten Eröffnungskonzert erinnerten der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Hartwig Fischer und sein künstlerischer Leiter noch einmal daran, wie aufgeschlossen und interessiert Dresden seit jeher in alle Welt geblickt, Fremde empfangen und sie aufgenommen habe. Das dürfe heute nicht anders sein – damit positionieren die Veranstalter ihr Fest klar gegen derzeitige andere Bilder und Nachrichten, mit denen Dresden in der Öffentlichkeit steht. Obwohl man die Künstler kurzfristig engagiert hatte, ist es gelungen, bekannte Namen wie Pavol Breslik, Dorothee Oberlinger oder die Gächinger Kantorei zu gewinnen, am Freitag war David Orlowsky mit dabei. Allerdings weder als Solist noch mit seinem Trio, sondern als Ensemble-Spieler.
In den Werken Antonio Vivaldis (Violinsonate Nr. 5) und Antonín Dvořáks (»Biblische Lieder«) findet man einen direkten Bezug zur Dresdner Musikgeschichte schnell. Vivaldis Sonate, von Daniel Kühnel als eine seiner schönsten angekündigt, erfüllte den Raum süß und zärtlich in ihren langsamen Sätzen, aber auch mit konzertanter Brillanz. Rosanne Philippens (Violine), Torleif Thedéen (Violoncello) und Ohad Ben-Ari (Cembalo) spielten das Werk federleicht und mit barockem Zierat. Vivaldis Konzerte für Flöte, Violine oder Cello hört man in Dresdens Frauenkirche, nur wenige Meter von der Schloßkapelle entfernt, oft. Daß seine Sonaten nicht minder reizvoll sind, war eine schöne Erfahrung. Ebenso Dvořáks »Biblische Lieder«. Manchmal bekam man sie in den letzten Jahren in Auszügen zu hören, nun einmal alle zehn. Mezzosopranistin Terézia Kružliaková erfüllte Dvořáks geistliche Gesänge vor allem in den tieferen Lagen mit ihrem leuchtenden Timbre und viel slawischem Charakter. Anbetung und Fröhlichkeit gingen bei ihr und dem kleinen Ensemble (acht Musiker unter der Leitung von Ohad Ben-Aris) eine sinnliche Bindung ein.
Ohad Ben-Aris trat an diesem Abend nicht nur als Cembalist und Leiter auf, sondern schließlich noch als Komponist und Pianist. »Violins of Hope« (Violinen der Hoffnung) ist ein Auftragswerk der Berliner Philharmoniker zum Gedenken an die Opfer des Holocaust gewesen. Am Freitag erfuhr es seine Wiederaufführung mit dem Komponisten am Klavier, welcher das Streichorchester ersetzte. Eingängig spiegelt das Werk Gefühle und Gedenken um das Thema Holocaust und Krieg wieder, aber auch – beklemmend – den Klang des Sirenenheulens bei Luftangriffen.
Nach der Pause folgte im zweiten Teil eine Auf- bzw. Vorführung Karlheinz Stockhausens fast zweistündiger »Hymnen«. Sie endete gegen elf Uhr abends, das überforderte dann doch viele der Besucher. Das Werk beginnt mit einem langen Abschnitt von Geräuschen – in welche immer wieder Teile aus Nationalhymnen geschnitten sind – die vom Rauschen, Knistern und Quietschen eines Kurzwellenempfängers überlagert werden. Musik vom Band und dann dies – da lichtete sich das Publikum, das nach der Pause bereits leicht dezimiert gewesen war, zusehends. Bis zum Ende geblieben ist nur ein Teil Neugieriger, die sich aber auf die fertiggewordenen Plätze anderer setzen konnten, mehr in die Mitte zwischen die vielen Lautsprecher.
Die Begriffe »Konzert« und »Aufführung« lassen sich unterschiedlich definieren. Diese Klangvorführung – von Stockhausens Sohn Simon geleitet – kann also auch als Installation, also eine Variation der Kunst verstanden werden – ein »Kunst-«, kein »Musikfest«. Immer wieder tauchen in Stockhausens Komposition bearbeitete Hymnen auf, dazwischen gesprochene Texte, weitere Geräusche. Das verändert die Wahrnehmung gegenüber einem »normalen« Konzert erheblich, kann aber auch fokussieren, Gedanken ausrichten, sensibilisieren. Man lauscht den Klängen, versucht sie zu entschlüsseln, beobachtet Schatten, die durch vorbeifahrende Autos und Passanten an der Wand irrlichtern. So sagten Besucher nach dem Konzert: »Jetzt haben wir das einmal wirklich erlebt«. Erleben ist eben mehr als nur davon hören. Oder darüber reden. Mehr als ein Konzert.
7. September 2015, Wolfram Quellmalz