Dynamo, Pop und Goldoni in der letzten Reihe

Staatsschauspiel Dresden bringt Carlo Goldonis Klassiker »Diener zweier Herren« in den Innenhof des Japanischen Palais

Klassiker sind im Theater immer (noch) gefragt, als vertiefte oder »umgebrochene« Neuinterpretationen des Großen Hauses ebenso wie als leichte, geistvolle Unterhaltung im Sommertheater. Carlo Goldoni scheint mit seinem komödiantischen Geschick, Zeitumstände kritisch, aber witzig und pointiert darzustellen, bestens dazu geeignet. Seine »Trilogie der Sommerfrische« vor zwei Jahren untermauerte dies aufs wunderbarste. Diesmal hat sich das Staatsschauspiel Dresden für »Diener zweier Herren« entschieden und den Innenhof des Japanischen Palais als Umgebung gewählt – zeitlich schon einmal passend.

DAS STÜCK

Truffaldino hat als Diener Federico kein leichtes Leben: sein »Chef« ist in heikle Angelegenheiten (oder windige Geschäfte?) verwickelt und wurde gerade umgebracht. Als sich dessen Schwester Beatrice Kleider und Rolle überzieht, wird es nicht besser – viel Streß, wenig Geld. Truffaldino sieht sich gezwungen, eine zweite Anstellung anzunehmen. Um beides möglichst gut verbinden zu können und die Dienstherren nichts merken zu lassen, bietet er Florindo seine Dienste an, eines weiteren Herrn, der im gleichen Gasthaus abgestiegen ist wie Beatrice alias Federico.

Was Truffaldino nicht weiß: abgesehen davon, daß Beatrice ihren Bruder rächen und dessen Geschäft übernehmen will, ist sie auch die Geliebte Florindos. Jedoch glaubt der Beatrice tot, während Beatrice erfahren hat, daß man Florindo der Ermordung ihres Bruders für schuldig hält, was – wie sie weiß – nicht stimmt …

INSZENIERUNG UND AUFFÜHRUNG

Werden bei Carlo Goldoni die »wehrten Herren« oder bestenfalls der Landadel »durch den Kakao gezogen«, hat Regisseur Rafael Sanchez die Handlung – sommertheaterlike – ins Hier und Jetzt verlegt. Die Namen bleiben gleich, sonst ist – abgesehen vom »historischen Bezug« des Palais, alles anders. Im Innenhof sieht es wenig höfisch aus, denn Eva-Maria Bauer (Bühne) hat die heutige Umgebung mit Wettbüro, Imbiß- und Losbude sowie zwielichtigen Etablissements nachgebildet. Darin schwirren neun individuelle Charaktere herum, die so klischeehaft beladen sind, daß die Grenze zwischen Witz und Stereotyp manchmal ebenso verschwimmt, wie Goldonis ernstgemeinte Kritik zur Platitüde verkommt. Das große Plus der Inszenierung ist das Schauspielerteam, das in diesen Schablonen genial agiert, Personen lebendig werden läßt, die an sich so austauschbar und beliebig sind – man meint, diese Zuhältertypen zu kennen, diese Handgelenktaschenträger, windigen Quasselstrippen, billigen Tussis (Pardon!), echte Kerle und unechte Frauen … Ursula Leuenbergers Kostüme ordnen sehr konkret ein, doch die Typisierung trägt zum etwas »flachen« Charakter der Inszenierung bei – wenn da nicht diese Schauspieler wären.

Versammelte Lustigkeiten: Silvio (Philipp Lux), Clarice (Anna-Katharina Muck), Dottore Lombardi (Moritz Dürr), Pantalone (Ahmad Mesgarha), Brighella (Holger Hübner), Smeraldina (Betty Freudenberg), Truffaldino (Raiko Küster), Beatrice (Ursula Hobmair), Florindo (Thomas Eisen), Photo: Staatsschauspiel Dresden, © Sebastian Hoppe)

Wie Raiko Küsters Truffaldino, immer windig, immer mit der großen Klappe vornweg, aber sofort kleinlaut, wenn er allein ist und überlegt, wie er den (meist selbst angerichteten) Schlamassel wieder hinbiegt. Oder Pantalone (Ahmad Mesgarha): überlegen, aalglatt – ein »Macher«, der im Grunde überhaupt nicht merkt, was wirklich läuft, sich aber am Gelingen freut. Anna-Katharina Muck als seine Tochter Clarice ist gleichermaßen Spielball wie aufbegehrend (nicht nur der Diener spielt zwei Rollen!).

Neuer Dynamofan: Truffaldino (Raiko Küster), Live-Band (Banda Comunale), Photo: Staatsschauspiel Dresden, © Sebastian Hoppe)

Zu den Publikumslieblingen avanciert Philipp Lux als Silvio, Dottore Lombardis (Moritz Dürr) Sohn. Der Aufschneider im bunten Hemd hat einen weichen Kern – es darf gelacht werden. Betty Freudenberg (als Smeraldina, die manchmal wie Heike Makatsch aussieht) und natürlich Beatrice (Ursula Hobmair) sorgen für leidenschaftliche Ausbrüche, Thomas Eisen (Florindo) steht dem in nichts nach.

Abends im Palais: Beatrice (Ursula Hobmair), Silvio (Philipp Lux), Florindo (Thomas Eisen), Smeraldina (Betty Freudenberg), Truffaldino (Raiko Küster), Dottore Lombardi (Moritz Dürr), Live-Band (Banda Comunale), Photo: Staatsschauspiel Dresden, © Sebastian Hoppe)

Manchmal wird zu viel gelacht, liegt die »Latte« einfach zu tief. Eine Kette von Kalauern macht noch keinen witzigen Abend, und auch die vielen, vielen Musiktitel – selbst wenn sie alle live gesungen werden – strengen irgendwann an (obwohl man sagen darf und muß, daß die Musiker der Banda Comunale nicht nur diese Musik perfekt beherrschen, sondern den ganzen Abend genial unterstützen). Jeder darf einmal »sächseln« und am Ende steht Dynamo Dresden im Pokalendspiel mit Bayern München. Da ist die Frage, was aus der Lesung im Hotel, zu der Uwe Tellkamp eingeladen war, eigentlich geworden ist, schon vergessen.

Goldoni, meint man, hätte doch letztlich mehr Format und Niveau. Andererseits steht es ja dran: »nach Goldoni« ist eben anders als »von Goldoni«. Witzig ist es allemal (eine Frage der Dosis).

26. Juni 2023, Wolfram Quellmalz

»Diener zweier Herren«, frei nach Carlo Goldoni, Staatsschauspiel Dresden / Japanisches Palais, wieder am 28., 29. und 30. Juni sowie am 4. bis 6. und 9. Juli

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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