Patrick Tschan »Schmelzwasser«
Dieses Buch ist keineswegs so kühl, wie sein Umschlag glauben machen will. Erst recht nicht so kalt, wie sein Titel »Schmelzwasser« vermuten lassen könnte. Emilie Reber, die bei Patrick Tschan von Bord eines Schiffes »hüpft«, sorgt schon dafür, daß alles schmilzt und heiß wird – fast wie der von ihr bevorzugte Earl Grey, den sie unbegreiflicherweise nicht mit kochendem, sondern auf 90° C abgekühlten Wasser übergießt – doch bei Emilie Reber ist manches überraschend, verstörend, anstößig …
Kann man das überhaupt, von Bord eines Schiffes »hüpfen«? Ist »hüpfen« nicht viel zu leicht und zu wenig, kein Wagnis (man wagt einen Sprung, aber keinen Hüpfer!)? Vielleicht gehört es zu jenen Ungereimtheiten der Buchhändlerin, deren Vorname an Emily Dickinson oder Emile Winkelmann denken läßt. Sie besitzt Leichtigkeit, ist liebenswert, geradlinig, kann aber auch reichlich undiplomatisch sein. Oder noch schlimmer – Emilie Reber eckt ständig an, stößt die Menschen eines kleinen Bodenseestädtchens vor den Kopf, die hart arbeiten, während sie, offenbar vermögend, eine Buchhandlung und ein Antiquariat mit Unterstützung der französischen Besatzungsregierung aufbaut.

Bodenseefelchen, historische Bildtafel von M. E. Bloch, dem Erstbeschreiber der Art, Bildquelle: Wikimedia commons
Leseprobe:
Und als sie eines hochsommerlichen Donnerstagabends, nachdem Ilse gegangen war, noch in ihrer Bibliothek nach einer Einschlaflektüre stöberte und auf Thomas Manns Novelle »Tod in Venedig« stieß, nahm sie das dünne, ausgelesene Bändchen mit ins Bett und las die Geschichte über die Greisenliebe des gestrengen Gustav von Aschenbach ein weiteres Mal. Das Abbild der eigenen Gefühle und Erregungen wuchs im Spiegel von Gustav von Aschenbachs Liebe zu dem goldgelockten Tadzio Seite für Seite. Und als das Morgengrauen erste Sonnenstrahlen freigab und eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von Gustav von Aschenbachs Tode empfing, war Emilie Rebers Seelenleben so zerwühlt wie das von ihr und dem hereinfallenden Mond verschwitzte Bettlaken.
Vor allem möchte Emilie Reber nichts mehr mit alten Nazis zu tun haben, will eine neue Zeit, wittert aber in jedem Vereinslokal altes Denken – und hat leider in manchem Fall nur zu recht. Trotzdem muß man feststellen, daß auch Emilie in ihren (Vor)urteilen feststeckt. So sehr, daß sie manche Tür zuwirft, die sich öffnen wollte. Und als Buchhändlerin hat sie Probleme ebenso mit neuen amerikanischen Autoren wie mit den gerade aufkommenden Taschenbüchern.
»Raus. Ich verramsche keinen Tucholsky im geleimten Kleinformat. Nicht für eine Mark neunzig. Auch wenn die ausgezeichnet gehen werden, in meiner Buchhandlung wird keines gehen. Nur Sie gehen jetzt! Sofort!«
Dennoch bleibt die Person liebenswert – ein Kunststück des Autors, der sich nicht nur der einen, sondern schließlich drei Frauen und ihrem Kreis nähert, die sich zusammentun, ein Triumvirat bilden, sich bei Felchen und Chablis treffen und die ersten Beate-Uhse-Kataloge für ihre Kunden bestellen. Damit nicht genug – bald importieren sie Jeans und sorgen für moderne Frisuren, denn Ilse, die erst aus einem »traditionellen« Salon flog, macht mit Emilies Hilfe einen eigenen auf. Hildegart Zahnlaub übernimmt derweil in ihrem Bekleidungsgeschäft die neueste amerikanische Mode. Hildegard ist es auch, die der Handlung zur ersten entscheidenden Wendung verhilft, denn sie entrüstet sich über Emilie Reber – erst danach können sie Freundinnen werden.
Ja, sie war Deutsche. Aber sie hatte verdammt noch mal nichts mit diesem Krieg zu tun gehabt. Sie war ein Kind gewesen und hatte gelitten, hatte ihren Vater verloren, ihre Mutter, und hatte dafür Dämonen erhalten: Taggeister, Nachtgespenster, Winkelalben und Seelenlemuren. Sie wollte sie loswerden, mit Glück sogar verscheuchen. Nur einen Sommer lang, wenigstens einen Sommer lang.
Daß die drei Frauen Karteikarten anlegen, in denen sie ihre Kunden charakterisieren und ihr »Potential« einschätzen, ist so komisch wie unkorrekt. Daß es zuweilen durchaus etwas pikant wird, erfrischt und läßt das leider etwas überstürzte, überzogene Ende leichter verschmerzen.
Waren mehrere Kunden gleichzeitig im Geschäft, ließ sie sich dadurch nicht abhalten, nach jedem Verkauf oder jeder Beratung fein säuberlich in ihren weißen Handschuh ihre Notizen zu machen. So viel Geduld musste aufbringen, wer von ihr auf der individuell vorgezeichneten Via Dolorosa zu Thomas Manns Sanatorium Berghof auf dem Zauberberg geführt werden wollte.
Juli 2023, Wolfram Quellmalz

Patrick Tschan »Schmelzwasser«, Roman, Braumüller, fester Einband, Schutzumschlag, Lesebändchen, 336 Seiten, 25,- €