Edvard Hoem »Der Geigenbauer«
Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre; und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist‘s Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon. (Luther-Bibel,Psalm 90, Vers 10)
Siebzig Jahre waren Lars Olsen Hoem gegeben, nicht mehr. »Hoch« kam es bei ihm also nicht, nach Mühe und Arbeit bemessen muß es ein köstliches Leben gewesen sein, aber auch ein entbehrungsreiches. Der gerade konfirmierte Lars muß als Norweger die Dänische Krone im Napoleonischen Krieg verteidigen. Eine kurze Schlacht nur (die Seeschlacht von Kopenhagen am 2. April 1801), aber ein furchtbares Erlebnis für den jungen Mann.

Später gerät er in Gefangenschaft, als sein Schiff, mit dem er nach Archangelsk aufgebrochen war, auf dem Rückweg, randvoll mit wertvollem Getreide gefüllt, von einer englischen Kaperschute abgefangen wird – fünf Jahre bleibt Lars auf englischen Gefangenenschiffen. Hier trifft er den geheimnisvollen französischen Geigenbauer Monsieur Jean. Wer auch immer er gewesen ist – von ihm lernt Lars das Geigenbauhandwerk.
Leseprobe:
Er setzte sich mit Ola in den Schlitten, und die beiden Brüder wickelten sich in ein Fell ein. Erst als die den Ort verlassen hatten, kam Lars der Gedanke, dass er mehr hinter sich ließ als nur die Zwietracht mit Pe und die halsstarrigen Regeln des Vaters. Er begriff zum ersten Mal, dass die schneebedeckte Landschaft ein Teil seiner selbst geworden war.
Wieder zurückgekehrt, fehlt Lars der Halt im Leben. Sein früherer Wunsch, Kapitän zu werden, ist verflogen. Als er die Chance, ein Schiff zu übernehmen, erhält, lehnt er ab – gleich zweimal an einem Tag. Halt findet er bei Gunhild und schließlich beim Geigenbau. Lars ist bereits 37, als er seine Passion zur Profession macht, da ist sein Leben – wie Edvard Hoems großartiges Buch – bereits über den Zenit der Zeit (oder der Seitenzahl).
Als er aufwachte, war es dunkel und Gunhild stand mit dem Rücken zu ihm am Fenster. Im fahlen Licht, das von der Straße hereindrang, konnte er ihre Silhouette nur erahnen. Er konnte nichts dafür, er dachte: Ganz schlau werde ich wohl nie aus ihr werden. Aber ihm kam der Gedanke, dass, wenn zwei Menschen alles voneinander wissen, auch etwas verlorengeht.
Die Namensgleichheit von Held und Autor ist nicht zufällig. Edvard Hoem hat, beginnend mit den Erzählungen seines Großvaters, über seinen Vorfahren recherchiert. Viele Fakten sind durch Einträge in Kirchen- oder Flottenbüchern belegt, die »weißen« Stellen füllt der Autor gekonnt aus – dafür ist es eben ein Roman, kein Fachbuch. Manchmal wird der dünne Rand zwischen Historie und Fiktion brüchig, wenn Edvard Hoem einerseits Gedanken und Gefühle bis ins kleinste beschreibt, um auf der folgenden Seite daran zu erinnern, daß wir dieses oder jenes über Lars Olsen Hoem nicht wissen, weil Eintragungen mitunter ungenau, fehlerhaft oder unleserlich (geworden) sind.
Man konnte sagen, dass eine Geige ohne Bogen nichts weiter war, denn ohne Bogen konnte die Geige nicht die menschlichen Regungen ausdrücken, und das machte sie nach Lars‘ Meinung zu dem vornehmsten aller Musikinstrumente – jedenfalls aller Saiteninstrumente. Ohne Bogen wäre die Geige ein Zupfinstrument – wie die Gitarre oder das Banjo. Mit ein wenig Wohlwollen konnte man den Klang dieser Instrumente vielleicht auch als Wohlklang bezeichnen, und Lars wollte auch nicht behaupten, dass Musik von diesen Instrumenten nicht ebenfalls einer Melodie folgen konnte, aber sie waren nicht im selben Maße imstande, die innersten Regungen des Spielers auszudrücken.
Das ändert aber nichts an der Größe des Buches. Der ruhige Erzählstil berührt den Leser tief im Innern – mehr als einmal muß man den Band zur Seite legen, um das erfahrene zu verarbeiten. Es ist eine feine Zeichnung, welche der Urur[…]enkel anfertigt. Obwohl er zum Beispiel keine großen Landschaftsbilder entwirft, hat man die kargen Hügel wie die rustikalen Häuser und ihre Einrichtung vor Augen. Auch die sieben Töchter Lars Hoems werden liebevoll und individuell portraitiert, so daß man manchmal glaubt, sie gingen gerade durch den Raum …
Juli 2023, Wolfram Quellmalz
Edvard Hoem »Der Geigenbauer« (Originaltitel: »Felemakaren«, Forlaget Oktober AS, Oslo, 2020), Roman, aus dem Norwegischen von Antja Subey-Cramer, Verlag Urachhaus, fester Einband, Schutzumschlag, 336 Seiten, 26,- €

Um die zweihundert Violinen hat Lars Olsen Hoem gefertigt, dazu einige Mandolinen und Gitarren. Von den Violinen sind noch circa 30 erhalten. Im Bild eines der letzten, 1851 fertiggestellten, Instrumente. Bildquelle: Ringve Musikkmuseum, © Marte Flaten