KMD Rudolf Winkler an der Silbermann-Orgel in Oederan
Genügen eine Silbermann-Orgel und ein Organist, viele Menschen mitten in der Woche in der Mittagszeit in die Oederaner Stadtkirche St. Marien zu locken? Würde – vom Rezensenten abgesehen – sich jemand von außerhalb auf den Weg machen? Offenbar. Hatten sich eine viertel Stunde vor Beginn nur etwa zwanzig Zuhörer im Kirchenschiff eingefunden, wurden es plötzlich mehr und mehr, waren die Plätze gut besetzt und, wie sich zeigte, hatte sich auch oben keine geringe Zahl an Besuchern eingefunden. Darunter erneut eine Kindergruppe, die hier auf der Empore, in unmittelbarer Nähe, nicht nur hören, sondern zuschauen konnten, wie eine Orgel gespielt wird – mit je zwei Händen und Füßen schließlich.

Rudolf Winkler neben der Kantorin und Initiatorin der Konzertreihe Ulrike Schubert vor der Silbermannorgel der Stadtkirche Oederan, Photo: NMB
KMD Rudolf Winkler (Marienberg) hatte ein Programm zusammengestellt, das einerseits in die Silbermannzeit zurückführte, andererseits verschiedene Affekte darstellen konnte und aus dem Reichtum der Orgelliteratur schöpfte. Ob man dabei F-Dur und c-Moll hörte oder Freude, Klage und Unsicherheit – jeder konnte dies nach Erfahrung und Vermögen erfassen, und das funktionierte auch rein emotional und ohne jede Vorkenntnisse. Insofern ist die sommerliche »Orgelmusik zur Mittagszeit« ein gelungenes Begegnungsangebot.
Rudolf Winkler eröffnete am Donnerstag mit Georg Muffats Praeludium in F, das wie ein froher Ruf in den Spätsommer schien. Mit Dieterich Buxtehudes Praeludium, Fuga et Ciacona in C (BuxWV 137) sowie Johann Sebastian Bachs Praeludium et Fuga c-Moll (BWV 549) am Schluß waren zwei jener Werke dabei, die mit ihrem prächtigen Aufbau beeindrucken, wobei sich die Stimmen auf Manualen wie Pedal ebensogut hören wie beobachten ließen. Buxtehude überragte dabei seinen Meisterschüler Bach sogar ein wenig, scheint sein Werk doch etwas raffinierter, verwobener und vor allem freier. So spielt er mit den Themen, die jedoch nachempfunden und nicht von einem Choral abgeleitet sind. Der junge Bach wiederum erwies sich dennoch als experimentierfreudig, sein Praeludium erinnert ein wenig an eine auf den Kopf gestellte Toccata aus BWV 565.
Zwischen diesen Werken waren zwei Orgelpräludien eingefügt, die sich auf einen Choral bzw. Text bezogen: Johann Pachelbels »Allein zu dir, Herr Jesu Christ« und das anonym überlieferte »Es ist ein Heil uns kommen her« konnte seine Nähe zum Gesang nicht leugnen. Für das zweite Lied hatte Rudolf Winkler dabei eine Registrierung gewählt, die an einen Gemeindechor erinnerte.
Die Orgel, Silbermanns Schaffenszeit nach wie auch in der Größe eine »mittlere«, verfügt im Gegensatz zu den kleinen Instrumenten wie in Tiefenau oder Helbigsdorf über deutlich mehr als nur die grundlegenden Register, natürlich eine Vox humana, kann aber mit Flöten, Cymbelln oder Cornett Musik effektvoll darstellen, der kräftige Wohlklang ist ohnehin typisch für Instrumente aus der Werkstatt Gottfried Silbermanns. Dennoch sind sie individuell, gerade im Pedal, das im Vergleich zu einer großen romantischen Orgel begrenzt ist. Wenn ein tiefes D oder ähnliches fehlt, verriet Rudolf Winkler, müsse man sich etwas einfallen lassen (zum Beispiel transponieren).
10. August 2023, Wolfram Quellmalz
Die Orgelmusiken zur Mittagszeit erklingen noch bis zum 28. September jeweils donnerstags, 12:00 Uhr in der Oederaner Stadtkirche. In der kommenden Woche springt Jonathan Weiler »Bufdi« am Dom St. Marien Freiberg, für Pascal Kaufmann ein, der wegen eines Schuldienstes verhindert ist. Mit Irene Roth-Halter (Tägerwilen / Schweiz) wird zwei Wochen später ein internationaler Gast spielen, bevor am 7. September im Rahmen der Silbermann-Tage Teilnehmer des Internationalen Orgelwettbewerbes zu hören sind.
https://kirche-erzgebirgsblick.de/oederan/stadtkirche-oederan
(Reihe Orgelmusik zur Mittagszeit)
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