Orgelkonzert von Gerhard Weinberger in der Dresdner Hofkirche
Kurz vor Beginn der Silbermann-Tage (Eröffnung: 1. September in Zöblitz), die mit dem dazugehörigem Internationalen Gottfried-Silbermann-Orgelwettbewerb auch zwei Tage lang in der Dresdner Hofkirche (Kathedrale) verweilen werden (zweite Runde am 6. und 7. September, jeweils ab 9:30 Uhr), kehrte der Dresdner Orgelzyklus turnusgemäß an Gottfried Silbermanns letztes Opus zurück. Zu Gast war Gerhard Weinberger (München), worüber sich Domorganist Sebastian Freitag besonders freute, war der doch in Detmold sein Professor in der Ausbildung gewesen.
Das Dresdner Instrument – und nicht nur dieses – kannte Gerhard Weinberger bereits gut, denn er hat hier wie an weiteren historischen Orgeln in Sachsen und Thüringen eine Gesamtaufnahme der Werke Johann Sebastian Bachs für das Instrument eingespielt. So wunderte es im Grunde nicht, wenn gestern erneut Johann Sebastian Bach im Mittelpunkt stand, wobei er formal mit Anfangs- und Endstück des Konzerts zunächst den Rahmen gab. Doch auch die dazwischenliegenden Werke hatten einen Bezug, stammten sie doch sämtlich von Schülern und Enkelschülern des Thomaskantors, obwohl die genaue und direkte Schülerschaft nicht in jedem Fall gesichert ist. So ist der Vater Ernst Ludwig Gerbers dem Umfeld Johann Sebastian Bachs zuzuordnen und es darf angenommen werden, daß er einmal zumindest Stunden genommen (bzw. bekommen) hat.
Bachs Pièce d’orgue (BWV 572), gerade vor einer knappen Woche zuletzt gehört (mit dem aktuellen Thomasorganisten Johannes Lang an der großen Freiberger Silbermann-Orgel – daß sich hier ein »Kreis« »schließt« man angesichts der immerwährenden Bachzuwendung gar nicht sagen) diente diesmal als Eröffnung. Das paßte angesichts des verspielten Flusses im ersten, präludium-ähnlichen Teil und des folgenden, einem freien Grand plein jeu, sehr gut.
Mit Carl Philipp Emanuel Bach (Choralbearbeitung »Aus der Tiefen rufe ich«), Johann Ludwig Krebs (Vier Phantasien sowie Präludium und Fuge C-Dur) und Johann Christian Kittel (Fantasia a-Moll) waren die nachfolgenden Komponisten zunächst historisch bekannte Persönlichkeiten, andere, wie Johann Schneider (Choralvorspiel »Mein Gott, das Herze bring‘ ich dir«) und Johann Christoph Oley (Choralvorspiel »Der Tag ist hin, mein Jesu bei mir bleibe«) dagegen galt es zu entdecken. Im Fall von Ernst Ludwig Gerber, der in der Mitte des Programms erklungen war, hatte Gerhard Weinberger selbst dieses Entdecken erst ermöglicht. Nicht nur, weil er drei Choralvorspiele über »Liebster Jesu, wir sind hier« präsentierte, er hatte die in einer Bibliothek aufgefunden Noten auch eigens ediert.

Ernst Ludwig Gerber und Johann Christian Kittel, historische Kupferstiche, Bildquellen: Wikimedia commons
Chronologisch in etwa »vorwärtsgehend«, zeichneten die Stücke eine Verfeinerung nach, wie sie in der Bach-Nachfolge allgemein sichtbar (und hörbar) wurde. Manche der Schüler hatten (zumindest in einzelnen Stücken) sich noch stark bei ihrem Lehrer angelehnt, wie Sebastian Freitag schon im Vorgespräch festgestellt hatte. Das traf nicht nur auf Johann Ludwig Krebs‘ Präludium und Fuge zu, sondern ebenso auf Johann Christian Kittels Fantasia. Gleichwohl zeigte sich: die musikalische Verarbeitung der Schüler ist doch eine andere, vielfach erwies sich Vater Bach vor allem als Inspirator und Ausgangspunkt. Und manches Stück, das man dem Namen nach vielleicht nicht sofort zuordnen konnte, erwies sich beim (wieder) Erleben als oft gehörtes Lieblingswerk, wie Johann Christoph Kellners fröhliches Präludium C-Dur, das teils den Charakter eines Glockenspiels hatte.
So schien ausgerechnet bei Johann Sebastian Bach der einzige Fehlgriff des Programms zu liegen, denn auf die inniglichen, nah der Gesangsstimme liegenden Choralvorspiele von Johann Schneider und Johann Christoph Oley war die Passacaglia c-Moll (BWV 582) schier übermächtig – der Lehrer schien die Schüler übertrumpfen zu wollen (sollen?). Das Stück ist ohne Zweifel berechtigterweise berühmt, jedoch: würde man eine Bruckner-Sinfonie direkt auf ein Streichquartett von Schubert folgen lassen?
31. August 2023, Wolfram Quellmalz
Im nächsten Konzert des Dresdner Orgelzyklus spielt Jean-Baptist Robin (Versailles) vor allem französische Werke an der Kern-Orgel der Dresdner Frauenkirche. Jean-Baptist Robin ist Jurymitglied des XVI. Internationalen Gottfried-Silbermann-Orgelwettbewerbs.
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