Annäherung an Dafne

Heinrich Schütz Musikfest wagt sich an eine Rekonstruktion

Die mythologische Geschichte um die Nymphe Dafne ist uns als Opernstoff durch Richard Strauss bestens bekannt, das Erleben seiner Fassung nur eine Frage der Spielzeitplanung. Dafne hat allerdings auch schon die frühesten Opernkomponisten angeregt. Eine der, vielleicht die erste Oper überhaupt, von Jacopo Peri geschrieben, hat sie bereits Ende des 16. Jahrhunderts zum Sujet. Etwa dreißig Jahre nach Peri wandte sich Heinrich Schütz in Dresden dem Stoff zu. Während von Peris Werk immerhin Bruchstücke erhalten sind, ist von Schütz‘ Musik nichts überliefert, immerhin aber das Libretto von Martin Opitz vollständig erhalten. Ist dieses und andere Musik Heinrich Schütz‘ Basis genug, seine Oper zu rekonstruieren? Darf man das überhaupt? Manchen gilt es vielleicht als Sakrileg, das Heinrich Schütz Musikfest (HSMF) sah darin zwar ein »waghalsiges Unterfangen«, hatte jedoch Vertrauen in den Alte-Musik-Experten Roland Wilson, der für seinen »kreativen Wagemut« ebenso wie für seine »phantasievolle Programmgestaltung« (der Musikwissenschaftler Burkhard Schmilgun in seiner Laudatio) bekannt sei. Für beides bekamen er und seine beiden Ensembles vor dem Konzert am Sonnabend im Kleinen Schloßhof des Dresdner Schlosses den Internationalen Heinrich-Schütz-Musikpreis verliehen. Wilson selbst nannte sein Werk eine »Annäherung« – und hatte es damit ziemlich gut getroffen, wie sich zeigen sollte.

Der »Versuch« war keineswegs unbedacht vom HSMF. Vielmehr sind Roland Wilson, die Musica Fiata (Instrumentalensemble vor allem mit Bläsern, gegründet 1976) sowie die La Capella Ducale (Chor, 1992) seit mittlerweile Jahrzehnten für eine dezidierte und lebendige Ausleuchtung der Musik Heinrich Schütz‘ und dessen Zeitgenossen bekannt. Seine emotionale und oft instrumental überraschende Auslegung hat er gerade erst wieder mit der Einspielung des 119. Psalms (»Schwanengesang« SWV 482 bis 494) dokumentiert. Die Annäherung an »Dafne« geschah bedacht, bezog überlieferte weltliche Musik Heinrich Schütz‘ ebenso ein wie die mancher Zeitgenossen, und so wunderte es letztlich wenig, daß sie durchaus italienisch oder gar nach Tarantella oder Lachrymae klingen konnte – Heinrich Schütz hat solches nicht nur in Venedig kennengelernt, sondern vieles davon nach Deutschland gebracht.

Konzert Heinrich Schütz Musikfest am 14.10.2023 – Konzert im kleinen Schlosshof in DresdenFoto: ronaldbonss.com / Bonss

Tobias Hunger (Apollo) und Dorothea Wagner (Dafne), Photo: Heinrich Schütz Musikfest, © Ronald Bonss

Die einzelnen Teile nach Zitaten zu durchforsten, sie zu hinterfragen, dürfte noch für manche Freude oder Frage sorgen. Ob dies nun »original Schütz« sei oder Schütz so geklungen haben könnte, war jedoch bald vergessen. Die Lebendigkeit und vor allem Geschlossenheit der halbszenischen Aufführung, instrumental wie gesanglich, drängte solche Gedanken schlicht in den Hintergrund.

Chor: Constanze Backes, Juliane Schuber, Johannes Gaubitz, David Erler und Joachim Höchbauer, Photo: Heinrich Schütz Musikfest, © Ronald Bonss

Die Teile leitet Roland Wilson mit Intraden ein, worauf zunächst Johannes Gaubitz als Ovidius von der Lage der Dinge informiert. Die Strophen verlangen flexible Stimmen und eine lebendige Gestaltung, verbinden erzählerischen Stil und emotionales Verharren, quasi eine Symbiose aus Rezitativ und Arie. Das entspricht einerseits der traditionellen Versform, läßt sie aber andererseits nicht statisch erscheinen. Und auch die Musik wirkte kein bißchen wie »nachgemacht«. Dafür sorgte nicht zuletzt eine zwar meist in den Stimmen einzeln, sonst aber üppig besetzte Begleitung, die zwischen Streichern und Bläsern wechseln und charakteristisch ausformen konnte. Roland Wilson nutzte weit mehr als das »duale« Gegenüber die üblichen Melodie- und Continuogruppen. Immer wieder sorgten Orgel, Violinen, Gamben oder die formidablen Bläser für ganz spezifische Beleuchtung von Szene oder Stimme.

Tobias Hunger, aus Oratorien oder »bei Schütz« an sich bekannt, durfte einmal sein schauspielerisches Talent als Apollo beweisen – sichtlich mit Freude. Stimmlich elegant und ein glaubhaft menschlicher Gott, beherrschte er auch das Mienenspiel perfekt. Dorothea Wagner war kurzfristig für die erkrankte Marie-Luise Werneburg eingesprungen und hatte sich binnen zweier Tage mit schlankem, unnahbarem Sopran in Dafne verwandelt. Wesentliche Begleiterinnen und Farbtupfer waren Constanze Backes als Venus und vor allem Juliane Schubert als frecher Cupido. Ein wenig schade nur, daß der Chor teils arg an seinen Noten hing. Bleibt zu wünschen, daß die Annäherung einmal in einer Wiederaufführung ihre Fortsetzung findet.

15. Oktober 2023, Wolfram Quellmalz

CD-Tip: Heinrich Schütz: Schwanengesang (SWV 482-494) mit La Capella Ducale, Musica Fiata und Roland Wilson (Leitung), erschienen bei CPO

http://www.schuetz-musikfest.de/

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