Philipp Jaroussky im Sonderkonzert der Musikfestspiele
Statt der Reihe der »Palastkonzerte« im Spätsommer gab es diesmal im Herbst ein Sonderkonzert der Dresdner Musikfestspiele, die in der kommenden Woche ihr Programm für 2024 offiziell vorstellen. Am Mittwoch gastierte Philippe Jaroussky, einer der Superstars unter den Countertenören, mit Le Concert de la Loge in der Frauenkirche.
Das Konzert war Teil der Tournée mit dem Programm »Forgotten Arias« (vergessene Arien), das Philipp Jaroussky mit dem französischen Orchester Le Concert de la Loge auf CD gebannt hat und seit dem 2. November im Konzert präsentiert. München und Hamburg waren die ersten deutschen Termine, Dresden das sechste Konzert der Reihe – vielleicht lag es daran, daß der Countertenor zu Beginn ein wenig Anlauf brauchte? Auch Le Concert de la Loge wirkten hier und da etwas routiniert.

Das Programm war dabei aufregend und interessant, enthielt – freilich nur einzelne Perlen – Arien, die teilweise dramatischen oder turbulenten Opern entstammten – mehr als Berührungspunkte waren es freilich nicht. Der Vergleich, wie unterschiedliche Komponisten ein und dasselbe Libretto vertont hatten, fiel knapp aus. Immerhin gab es einen Teil aus »La clemenza di Tito« in der Fassung von Michelangelo Valentini, Tommaso Traetta hatte sich ebenso wie Andrea Bernasconi »L’Olimpiade« vorgenommen, so wie sich Johann Christian Bach und Niccolò Jomelli »Artaserse« zugewandt hatten (aus Gründen der Abwechslung waren aber unterschiedliche Szenen ausgewählt). Mit einer Ausnahme stammten die Libretti von Pietro Metastasio.
Philippe Jaroussky brillierte nicht mit der Höhe – gerade die hatte er anfangs in zwei Arien aus Johann Adolf Hasses »Demofoonte« noch mit Kraft »gestemmt« – sondern mit kantilenen Läufen und innehaltenden Momenten. Sein weiches Timbre lud gerade zu letzteren ein, gewann an Geschmeidigkeit und überzeugte schließlich auch mit Tonsprüngen. Damit ließ sich vielfältig gestalten, zumal Concert de la Loge unter Konzertmeister Julien Chauvin den weichen Konturen gern folgte – eine gute Grundlage, um selbst ein Recitativo Accompagnato zu »L’Olimpiade« (Traetta) lebhaft zu erwecken.
Was war nun »vergessen« an diesen Arien? Meist waren es die Werkfassungen bekannter Texte, die in anderen Versionen oder durch andere Komponisten geläufig geblieben sind. Und so war Andrea Bernasconis »L’Olimpiade« wohl für viele Besucher bisher »unerhört«. Eine lohnende Entdeckung, ließen Jaroussky und die Loge doch das Meer wild schäumen und eisige Stürme toben!
Concert de la Loge bot über die reine Begleitung hinaus dramaturgische Würze bis in die sanft schimmernden Hörner oder ließ Emotionen im wilden Tremolo toben. Gerade der farbenfrohe Aufruhr gelang gut, in manchen Piani hingegen fehlte dem Orchester die Geschlossenheit, zu der es aber fähig war. Bei Johann Adolf Hasse, von dem kurzfristig noch zwei Instrumentalstücke ins Programm gerutscht waren, fand sich eine wahre Feuerfuge – sozusagen als Ausgleich für die Eisigen Meeresstürme der Arien.
Philipp Jaroussky bot seinerseits Gestaltungskräfte auf, dosierte die Effekte aber maßvoll. Beispielsweise setzte er den Kontrast, vom Falsett in die Bruststimme zu »fallen« und ganze Oktaven zu »stürzen«, gezielt und nicht beliebig oft ein. Nach so viel »vergessenen« Arien gab es zum Abschluß noch eine berühmte: Christoph Willibald Glucks »Chiamo il mio ben così« (»Ach, ich habe sie verloren«), mit der Orpheus um Eurydice trauert – also eine Verlust-Arie.
16. November 2023, Wolfram Quellmalz

CD-Tip: Das Programm gibt es bei Erato zum Nachhören: Philippe Jaroussky, Le Concert de la Loge, Julien Chauvin »Forgotten Arias«, mit Werken von Johann Adolph Hasse, Christoph Willibald Gluck, Johann Christian Bach, Tommaso Traetta und anderen