Erste Serie von Detlev Glanerts »Die Jüdin von Toledo« an der Semperoper abgeschlossen
Die NMB hatten schon im Premierenbericht (https://neuemusikalischeblaetter.com/2024/02/15/10279/) gemutmaßt, daß es lohnen würde, Detlev Glanerts »Die Jüdin von Toledo« noch einmal zu besuchen, um musikalische und andere Bezüge noch stärker nachvollziehen, erkennen zu können. Knapp einen Monat nach der Premiere besuchten wir am Freitag die Dernière des Stückes in Dresden. Dabei wurde vor allem eine Konstante offenbar: die Emotion. Auch bei Kenntnis von Stück und Inszenierung bzw. beim Zweitbesuch büßte die Aufführung nichts von ihrer Intensität ein, eher schien sie sogar noch gesteigert.
Die knisternde Spannung ist schon musikalisch angelegt, ist es Detlev Glanert doch gelungen, die Stimmen zu führen, sie verständlich zu lassen und die Figuren mit allen möglichen menschlichen Gefühlen auszustatten: Liebe, Trauer, Angst, Haß, Eifersucht … Die Kontraste der Situationen sind deutlich, sogar scharf dargestellt. Immer wieder werden die Orchesterklänge martialisch, wenn sich Konflikte zuspitzen, wohingegen der Oud-Spieler eine zauberisch intime Atmosphäre schafft, wie zu Beginn im Garten des Königspalastes, einem geschützten Ruheort, in den nicht nur Rahel und ihre Schwester Esther neugierig eindringen, sondern wohin auch König Alfonso VIII flieht, als er den Verhandlungen, Beratungen und Besprechungen drinnen, die sich nur um Krieg drehen, zu entkommen sucht. Die Klänge der Oud kehren noch einige Male wieder, kommentieren, erinnern oder weisen auf Augenblicke der Zerbrechlichkeit, mitunter der Gefahr hin, wie im dritten Akt, als Alfonso den fatalen Kontrakt unterzeichnet, der nicht nur die Vertreibung der Juden festlegt, sondern auch Rahels Todesurteil enthält.
Mit den Orchesterinstrumenten spannt Detlev Glanert ebenso einen weiten Kosmos auf, von zarten lyrischen Tönen der Flöte bis zu aus der Ferne kündenden Trompete und im Schlagwerk verankerten Knall (von Schüssen). Die Flöte steht dann zum Beispiel für Rahel, die »So oft ich will« auf den Kommentar ihrer Schwester antwortet, sie habe doch sicher schon öfter gesagt bekommen, daß sie eine schöne Frau sei. Und sogleich ergänzt Rahel: »Aber ich höre nicht immer hin.« – Eine Schlüsselstelle, die uns eine junge Frau zeigt, die sich ihrer Möglichkeiten und Vorzüge bewußt ist, die offensiv und mutig, neugierig vorgeht, die aber auch wahrnimmt, wie ihre Umgebung ist und wie (ob) sie selbst hineinpaßt. Das erlaubt ihr, selbst dem König Empfehlungen auszusprechen oder entscheidende Fragen zu stellen.

Rahel, immer wieder Rahel. Wenn sie nicht da ist, wird über sie gesprochen. Der König sehnt sich zu ihr, seine Getreuen verabscheuen die Feindin, Eleonore, die Frau Alfonsos, ersinnt nicht nur Pläne, sie agiert und intrigiert gegen Rahel. Am Ende siegt sie – es ist ein fader, herber, bitterer Sieg – und eine Niederlage für Alfonso. Situationen scheinen sich zu wiederholen: Alfonso meint, als er unter Druck gerät, das Todesurteil zu unterzeichnen, draußen etwas zu hören (»Da draußen ist was … Ich dachte, da ist jemand«) – es war wohl nur ein letzter Versuch, sich der Entscheidung zu entziehen, die Unterschrift hinauszuzögern. Kurz darauf ist es Rahel, die »Esther! Ich glaube, ich höre etwas« sagt. Sie hörte wirklich etwas, jemanden – es sind ihre Mörder.
»Die Jüdin von Toledo« ist eine Oper, die nicht kalt läßt. Hervorragend das Spiel der Akteure, allen voran die drei Hauptrollen von Rahel (Heidi Stober), Alfonso (Christoph Pohl) und Eleonore (Tanja Ariane Baumgartner) – selbst Eleonores Kälte läßt das Publikum erschauern. Christoph Pohl gelingt eine ambivalente Darstellung – unlösbar ist Alfonsos innerer Konflikt, sein Königtum am Ende gestärkt und beschädigt zugleich. Der siegreiche König ist menschlich-moralisch gescheitert, zuerst vor sich selbst. Heidi Stober zeichnet Rahel einfühlsam, stark, sehend, erkennend und vorausschauend – trotzdem, trotz der Warnungen ihrer Schwester, wird sie am Ende von der Mordbande überrascht. Da bleibt nur Fassungslosigkeit …
Die Spannung kommt nicht zuletzt auch aus dem Graben der unfaßbar agilen und wandlungsfähigen Sächsischen Staatskapelle Dresden, die unter Jonathan Darlingtons Leitung ebenso kammermusikalisch feinzeichnen wie stürmisch und leidenschaftlich aufbrausen kann – den differenzierten Pinselstrich verliert sie dabei nie.
Es gibt Opern, von denen wir wissen, daß sie eigentlich einen falschen Titel tragen: Carl Maria von Webers »Der Freischütz« sollte ursprünglich (nach Friedrich Kinds Libretto) »Die Jägersbraut« heißen. Bei Giacomo Meyerbeers »L’Africaine« (»Die Afrikanerin«) ist der Titel schon geographisch nicht korrekt, weshalb das Stück teilweise in »Vasco da Gama« umbenannt wurde. Doch manchmal ist nicht klar, wer nun wirklich die (heimliche?) Hauptperson ist, wie etwa bei Charles Gounods »Faust« bzw. »Margarethe« (teilweise »Faust / Margarethe« genannt). Könnte man Mozarts »Figaro« nicht genausogut »Susanna« nennen? Wie dem auch sei – man kann Detlev Glanerts »Die Jüdin von Toledo« nur wünschen, daß sie noch viele Inszenierungen auf vielen Bühnen erfährt. Beim Titel denken die meisten heute zunächst an Lion Feuchtwangers gleichnamigen Roman, doch der Text (Libretto: Hans-Ulrich Treichel) basiert auf Franz Grillparzers Drama – hat Glanerts Oper nicht so viel Eigenständigkeit, daß sie sich vom Titel der Literaturvorlage lösen und schlicht »Rahel« heißen könnte?
10. März 2024, Wolfram Quellmalz