Opernworkshop mit zwei Vorstellungen beendet
Jules Massenet hat uns nicht nur ein paar der schönsten Opern wie »Manon«, »Werther« oder Lieblingsstücke daraus (»Meditation« aus »Thaïs«) hinterlassen, es gibt in seinem Lebenslauf auch einen Berührungspunkt mit Sachsen: sein Vater war Offizier und hatte eine polytechnische Ausbildung erfahren, aufgrund derer ihm 1805 erlaubt wurde, Vorlesungen an der Kurfürstlich-Sächsischen Bergakademie zu Freiberg zu besuchen.
Aber das war wohl kaum der Grund dafür, daß Massenets »Don Quichotte« in den Plan der Dresdner Musikhochschule gerückt ist. Vielmehr beschäftigt sich die Opernklasse nicht allein mit einer großen Jahresproduktion, die jeweils im Frühjahr Premiere feiert (in sechs Wochen kommt Mozarts »La finta giardiniera« auf die Bühne des Kleinen Hauses), sondern läßt zwischendurch auch kleinere Projekte, zum Beispiel als Szenisches Podium, auf die Probebühne kommen. In den letzten knapp zwei Wochen hatte es einen Workshop mit Arila Siegert gegeben, die unter anderem mit Ruth Berghaus und Peter Konwitschny zusammen gearbeitet hat. In Dresden ist die Regisseurin und Choreographin zum Beispiel mit ihren Tanztheaterproduktionen am Staatsschauspiel in Erscheinung getreten. Im Rahmen des Workshops erarbeitete sie mit Studenten der HfM eine gekürzte Fassung von »Don Quichotte«. Am Sonnabend und Sonntag war die Probebühne hinter dem Konzertsaal in beiden Vorstellungen ausgebucht.

Zu erleben war dort ein komischer Helden und sein fast schon hellsichtiger Gefährte. Denn die sprichwörtlichen Kämpfe gegen Windmühlenflügel sind kennzeichnend für Don Quichottes Erlebnisse und Heldentaten überhaupt: großherzig, freimütig und tatkräftig ist er ohne Zweifel – nur fehlt es ihm allzuoft an Realitätssinn! Das erlebten nicht nur die Besucher, sondern auch Don Quichottes (Sebastian Gayowsky) getreuer Begleiter Sancho Panza (am Sonnabend Felix Kober).
Etwas vorschnell stürzt sich Don Quichotte in das Abenteuer, um Dulcinea (Meiling Daniell-Greenhalgh) zu werben. Denn die Dame hat (reichlich) viele Verehrer. Daß er bei »Juan« (Kota Katsuyama) nicht hellhörig wird, darf man ihm aus historischen Gründen verzeihen – Molières »Don Juan« kam gut sechzig Jahre nach Cenvantes »Don Quichotte« heraus (und sein Smartphone konnte der Ritter von der traurigen Gestalt nicht befragen). Sancho Panza zweifelt aber durchaus am Tun seines Herren – hätte er nicht Veto einlegen sollen?
Die knappe Version des komplexen Opernstoffes glückte vom Erscheinen des Helden bis zu dessen Abschied und Sterben bemerkenswert geschlossen. Das Ensemble verband anekdotische Erzählung mit ausdrucksvollen Interpretationen in Spiel und Gesang – zwar wurden die meisten Texte auf deutsch vorgetragen, einige Passagen hatten die Hauptfiguren jedoch im französischen Original zu singen. Und hier gelang ihnen sogar eine Vertiefung.

Die Probebühne erwies sich als passender Aktionsraum, der sich mit Schattenspielen und wenigen Requisiten beleben ließ (Clarissa Kanske / Regieassistenz hatte im Herbst Henry Purcells »Dido und Aeneas« mit der Lehramtsklasse in Szene gesetzt). Und natürlich durfte gelacht werden, wenn sich etwa zu den Hauptfiguren ein Partner als Rosinante (Clara Bergert) bzw. Esel (Mykola Piddubnyk) hinzugesellte. Für einige Szenen (Sancho Panza: »Der Mann ist stets ein Opfer«) gab es verdienten Zwischenapplaus. Am Ende blieb offen, ob Don Quichotte Dulcinea je getroffen oder nur von ihr geträumt hatte.
Für musikalischen Effekt und ausreichend Figuren von Festgästen bis zu Räubern sorgten ein kleiner Chor (Leitung: Paul Ehrmann) und Dorotea Dolenec, die an der Gitarre das spanische Kolorit aufwertete, während sonst das Klavier den Orchesterpart übernahm (musikalische Leitung: Annika Größlein).
17. März 2024, Wolfram Quellmalz
Nächstes Projekt der Opernklasse: Wolfgang Amadé Mozart »La finta giardiniera«, Premiere am 27. April am Staatsschauspiel / Kleines Haus