Messiah als Himmelsleiter

Collegium 1704 forscht die Schattierungen in Händels Klassiker aus

Am Frühlingsanfang allein kann es kaum gelegen haben, daß am Mittwoch die Dresdner Annenkirche bis hoch in die Emporen gefüllt war. Georg Friedrich Händels »Messiah« (HWV 56) zieht einfach ungemein an. Da ist es vollkommen nebensächlich, ob man ihn schon zwei-, drei- oder viermal mit dem Collegium 1704 gehört hat, zuletzt als Dankeschön-Konzert in einer der Öffnungsphasen der Pandemie. Schließlich gibt es Ensembles oder Chöre, bei denen Messiah einen festen Platz im jährlichen Kalender hat so wie das Weihnachtsoratorium oder die Matthäuspassion.

Das verblüffende war, daß Václav Luks den Ausdruck mit seinen beiden Collegia (Chor und Orchester) noch steigern konnte, dies aber nicht einfach mit einer Zunahme »nach oben« (wie noch mehr) verbunden war, sondern mit einer gesteigerten Verfeinerung. Somit traten Kontraste und Farbnuancen noch stärker hervor. Das wirkte gerade deshalb so frappierend, weil Händel immer wieder Arien und Chöre geschrieben hat, die mittendrin den Affekt wechseln, also aus Trauer in Zuversicht aufbrechen oder mit einem Einschub vorübergehend verweilen. Wie in »But who may abide« (Doch wer kann bestehen), das auf der Schlußzeile (Denn er ist wie eines Läuterers Feuer) in Orchester und Solo flammend aufloderte. Avery Amereau (Alt) war überhaupt eine der Entdeckungen in diesem Konzert, konnte sie doch virtuos glänzen und im Duett mit Deborah Cachet bestehen, vor allem aber berührte sie mit ihrer einfühlsam timbrierten Tiefe, wie in »O thou that tellest« (Oh du, die du […] verkündest). Wer es »höher hinaus« mochte, ließ sich dagegen wohl von Deborah Cachets funkelnden Koloraturen einnehmen (»Rejoice greatly« / Freue dich sehr). Allen vier Solisten (außerdem ein Stammgast des Collegiums, Krystian Adam / Tenor, sowie Luigi De Donato / Baß) gemein war eine große Wandlungsfähigkeit vom schlichten Erzählen bis zu dramatischen Ausbrüchen, die gerade Luigi De Donato eindrucksvoll bot. Es geht aber auch mit weniger »Feuerwerk«: Krystian Adams’ sanftes »Comfort ye« (Tröste dich) zu Beginn schien bereits kaum zu überbieten.

Nicht weniger Freude bereitete das Collegium Vocale 1704 in diesmal recht großer Besetzung (fünf Sänger pro Stimme). Wer mochte, konnte hier den Farbverlauf der fugierten Passagen vergleichen, die »von außen nach innen« (Sopran, Baß, Alt, Tenor), »über Kreuz« (S, T, A, B), oder aufsteigend (B, T, A S) immer anders wunderbar klangen. So gehört blieb der »Hallelujah«-Chor ein ins Werk eingeschlossener Höhepunkt und nicht oberflächlich alleinstehend effektvoll. Bereits im ersten Teil des Messiah traf die Zeile »Wonderful Counsellor« (Wunderbar, Ratgeber) im »For unto us a Child is born«-Chor (Uns ist ein Kind geboren) mitten ins Herz!

Für solch emotionale Auslotungen hat Václav Luks in seinem sehr flexiblen Orchester (bis hin zu Orgel und Cembalo) hervorragende Solisten zur Verfügung. Katharina Andres (Oboe) und Hans-Martin Rux (Trompete) sorgten für den gesanglichen oder sternenfunkelnden Glanz, Stefan Gawlick (Pauke) entfachte die Dramatik, in der ihm die Streicher nicht nachstanden – ihr »Feuer« war einfach unvergleichlich!

21. März 2024, Wolfram Quellmalz

Bassist Luigi De Donato ist im nächstes Konzert (14. April, Annenkirche) des Collegium 1704  als Solist in Opernarien von Händel, Porpora und Schürer zu erleben. Die CD »Il Polifemo« erscheint im Mai, ist aber  bereits am Vorverkaufsstand der Konzertkasse erhältlich.

CD-Tip: Georg Friedrich Händel »Messiah«, mit Giulia Semenzato, Benno Schachtner, Krystian Adam, Krešimir Stražanac und Václav Luks, Collegium 1704, Collegium Vocale 1704, (2 CDs), Accent

Eine weitere CD mit Händels Wasser- und Feuerwerksmusik ist derzeit in Vorbereitung. Václav Luks sucht dafür noch Unterstützer. Einen Vorgeschmack gibt es am 7. April, 17:40 Uhr auf arte.

Collegium 1704 & Collegium Vocale 1704

Hinterlasse einen Kommentar