Zum »Lobgesang« mit der Sächsische Staatskapelle nahm Dirigent Manfred Honeck kurzfristig Beethoven I. dazu
Eigentlich hätte das Palmsonntagskonzert dem Ehrendirigenten der Sächsischen Staatskapelle, Herbert Blomstedt, gebührt, doch der sagt trotz seiner Genesung noch einmal ab. Während er in Leipzig für ein Konzert in knapp zwei Wochen das Programm änderte, wollte er genau das in Dresden offenbar nicht, denn es hätte bedeutet, Felix Mendelssohns umfangreichen und anspruchsvollen »Lobgesang« absetzen zu müssen. Mit Manfred Honeck fand sich binnen angemessener Frist aber ein Ersatz, den man als bewährten Partner der Kapelle sehen darf. Er änderte dennoch das Programm: statt zwei zweiter Sinfonien (vor Mendelssohn Schubert) gab es zu Beginn eine erste – Beethoven. Von B-Dur also auf C-Dur, ein wenig weniger großartig vielleicht im Charakter, aber trotzdem voller Freude.
So viel, daß Manfred Honeck in den Ecksätzen lauthals mitsang – das richtige Feuerwerk zündete die Staatskapelle trotzdem erst nach der Pause. Zunächst zeigte sie sich äußerlich wie innerlich in Kammerorchesterformation – vergleichsweise wenige Musiker, aber auch im Klang kompakt. Fast schon sanft gerieten die Binnensätze, immer ordentlich »geschichtet«, so daß die Bläser gut »über« die geschlossene Streichergruppe kamen – Beethoven schaute wohlwollend vom Himmel des Konzertzimmers hinab, wie sich die Hörner im Menuetto im Akkord fügten.

Felix Mendelssohns zweite Sinfonie oder Sinfonie-Kantate »Lobgesang« scheint von noch weiter oben zu kommen, ihr haftet stets etwas Himmlisches an, was nicht allein an den Chorälen liegt, die der Komponist darin verwoben hat. Insofern war Manfred Honecks Interpretation bzw. deren Überwältigungseffekt durchaus gewöhnungsbedürftig. Der Rezensent gesteht, daß es ihm nicht leichtfiel, seine Erwartungshaltung derart »umpolen« zu lassen – statt der überirdischen Schönheit, die aus der Kombination Mendelssohn und Blomstedt erwächst (schon erlebt), stellte Manfred Honeck die Verhältnisse fast schon auf den Kopf. Was zuvor kompakt war, neigte jetzt ein wenig zu Massivität, wodurch nicht zuletzt die Sänger zu mehr Verausgabung genötigt waren. Die sonst so souveräne Christina Landshamer zumindest schien deutlich angestrengter als gewohnt, auch wenn sie die gewollte Ausdruckskraft mit Vibratoeinsatz erreichte. Der Sächsische Staatsopernchor (Einstudierung: André Kellinghaus) wirkte zwar nicht überspannt, war jedoch genötigt, stark zu forcieren, was manchmal einem Aufschrei gleichkam. Dem a cappella von »Nun danket alle Gott« fehlte danach ein wenig die Harmonie und Homogenität. Und doch ließ sich gerade dieser Lesart vieles abgewinnen, etwa der Vergleich der beiden Soprane – jener Simona Šaturovás schien dunkler, samtener, während Christina Landshamer die hellere Engels- oder Seelenstimme vortrug, was sich in den gemeinsamen Strophen reizvoll zeigte. Ohnehin ist es ein außergewöhnlich »hell« besetztes Werk! Denn es gibt keinen Alt und keinen Baß, dafür aber neben den beiden Sopranen einen Tenor. Und hier wurde ein weiterer Honeck-Effekt offensichtlich, denn Tilman Lichdi bereicherte seinen Part besonders vielschichtig. Neben einem (erwartungsgemäß noblen) erzählerischen Gestus präsentierte er eine dramatische Seite Mendelssohns, denn »Stricke des Todes hatten uns umfangen« begann zwar mit einem »unbelasteten« Bericht, steigerte sich aber bald mit geradezu Wagnerischen (!) Tremolo (»Wir riefen in die Finsternis: Hüter, ist die Nacht bald hin?«) in opernhafte Regionen – dem war absolut viel abzugewinnen!
25. März 2024, Wolfram Quellmalz