Europakonzert am Vorabend der Wahl

Treffen der Partnerstädte in der Dresdner Frauenkirche

Es war nicht nur der Vorabend des Tages der Europawahl, das Europakonzert am Sonnabend in der Dresdner Frauenkirche stand außerdem im Zeichen der Städtepartnerschaften mit Coventry und Wrocław (Breslau) – sie feiern beide in diesem Jahr das 65jährige Bestehen. Partnerschaften basieren nicht auf Gleichheit, sondern auf gegenseitigem Respekt und der Akzeptanz der anderen. Insofern war es schön, daß das Konzert gar nicht einen Anschein einer Gleichheit darstellen wollte. Die beiden Chöre, der Neue Chor Dresden und der Spires Chorus Coventry, waren in ihrer Größe wie ihrer Art verschieden, ihnen gegenüber stand nicht ein weiterer Chor, die Partnerschaft für Wrocław wurde durch den Organisten Tomasz Głuchowski vertreten.

Wappen der Partnerstädte Wrocław, Dresden und Coventry

So musikalisch wurde die Städtepartnerschaft ganz erfahrbar. Unter der Leitung von Axel Langmann (Neuer Chor Dresden) und Jack Lovell-Huckle (Spires Chorus Coventry), die sich in die Dirigate der gemeinsamen Liedblöcke teilten, erklangen ganz unterschiedliche weltliche und geistliche Lieder. Um die Brücke der Verständigung zu beschreiten, was ja der Anlaß war, wäre zumindest bei dem einen oder anderen Titel allerdings der (übersetzte) Text im Programm schön gewesen.

Doch auch so wurde das wesentliche Ansinnen vor allem der Chorsänger deutlich, wie es Franz Schubert in »An die Musik« vertont hatte, das als Eingangsstück mit beiden Chören stand (Leitung: Axel Langemann). Nicht nur die Fähigkeit der Musik, in manchen »grauen Stunden« dafür zu sorgen, jemanden in eine »beßre Welt« zu entrücken, auch die Dankbarkeit, daß dies möglich ist, gehörte ganz offensichtlich zum Programm und mit Sicherheit zu den gemeinsamen Proben der Vortage.

Mit Schubert, Melchior Franck (»Da pacem Domine«), Jubilar Bruckner (»Locus iste«) und Mozart (»Ave verum corpus«) standen am Beginn große Klassiker auf dem gemeinsamen Programm, das in den eigenen Beiträgen beider Chöre aber verfeinert wurde. Wobei sich beide symbolisch die Hände reichten: der Dresdner Chor hatte Reginald Spofforths freudigen Hymnus »Hail! Smiling Morn« vorbereitet, die Besucher aus Coventry sandten mit »Wie lieblich sind deine Wohnungen« aus Johannes Brahms‘ Deutschem Requiem ganz dezidierte Grüße nach Deutschland. Wie überhaupt Brahms zu den verbindlichsten, verbindendsten Multiplikatoren wurde, denn auch Tomasz Głuchowski kam auf das Deutsche Requiem zurück: Piotr Drożdżewskis Passacaglia über das Thema »Denn alles Fleisch, es ist wie Gras« gehörte zu den Orgelwerken polnischer Komponisten, die eine vitale Bandbreite des Genres präsentierten und geradezu eine Horizonterweiterung waren. In der Passacaglia erklang das Thema zunächst als Liedzitat, blieb dann im Baß unter einem neuen Thema erhalten, und kehrte schließlich in der Verarbeitung wieder.

Ähnlich bereichernd ergänzten Piu largo (Nr. 8 aus dem Orgelalbum)von Tomasz Kulikowski sowie eine Toccata von Tadeusz Paciorkiewicz das Programm, am modernsten und offensten gelang wohl Krzysztof Grzeszczaks Choral partita über »O filii et filiae« (Osterhymnus). Daß alle vier Komponisten Zeitgenossen (der Städtepartnerschaft) sind, drei von ihnen leben und weiter komponieren, unterstrich den positive Ansatz.

Meist hatte Tomasz Głuchowski aber für die Begleitung zu sorgen, einige Werke trugen der Neue Chor Dresden und der Gesamtchor a cappella vor. Mit Fanny Hensel (»Abschied«), Heinrich van Eyken (»Denn er hat seinen Engeln befohlen«) und Carl Maria von Weber (»Frühlingsahnung«) gab es von den Dresdner Sängern ungewohnte Vertonungen bekannter Texte und ein wenig Lokalkolorit, während die Gäste mit Charles Villiers Stanford (»The Blue Bird«) an einen weiteren Jubilar erinnerten und mit Gabriel Faurés »Cantique de Jean Racine« eines der schönsten Chorwerke mitgebracht hatten – dabei schlossen sie den Europäischen Kreis weiter auf.

Auch Georg Friedrich Händel war (schon zu Lebzeiten) ein Multiplikator. Das »Halleluja« aus dem »Messiah« war ein würdiger Abschluß.

9. Juni 2024, Wolfram Quellmalz

Der Neue Chor Dresden sucht Sängerinnen und Sänger. Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.neuerchordresden.de/

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