Letztes Jahreskonzert der Reihe Alte Musik Pillnitz
»Viel Flöte«, so ungefähr könnte man den Namen des Trios Flautissimo übersetzen, dabei waren es doch nur drei Damen aus Leipzig, Ulrike Wolf, Johanna Baumgärtel und Anne-Kathrin Ludwig, die am Sonnabendnachmittag im Bergpalais des Pillnitzer Schlosses das dritte und leider schon letzte Konzert der Alte-Musik-Reihe in diesem Jahr spielten. Allerdings boten sie durchaus jede Menge Flöte(n) und vor allem: Musik. Beides konnte man nämlich einzeln betrachten bzw. behören.
Zunächst waren da die Instrumente: Heute erleben wir Flöten meist als baugleiche und gleichlange Querflöten (sogenannte Böhm-Flöten) im Orchester. Eine, in der Regel die dritte oder vierte, ist oft eine Piccolo, also kleine Flöte für die höheren Töne. Geht man in der Zeit aber zurück und zu Komponisten oder komponierenden Flötisten, bereichert sich die Instrumentale Landschaft schnell um weitere Größen und Formen: Block und Traversflöten, also die Vorgängerin der Querflöte, noch leicht konisch und aus Holz, die über die Jahrzehnte nicht unverändert blieb, sondern Klappen bekam.

Ulrike Wolf, Johanna Baumgärtel und Anne-Kathrin Ludwig hatten daher gleich mehrere Instrumente dabei, um allein, im Duo oder Trio Block- oder Traversflöten in verschiedenen Manieren zu spielen. Nicht zuletzt waren zwei Instrumente des Kunstgewerbemuseums zu sehen und zu hören, die vor einigen Jahren aus einer Sammlung aufgekauft und restauriert worden waren. Bislang waren diese Flöten aus der Dresdner Werkstatt Grenser, einige Jahre vor bzw. nach 1800 gebaut, etwa einhundert Jahre (!) nicht gespielt worden. Allerdings durfte Anne-Kathrin Ludwig für das Publikum nur eine kurze Proben spielen, denn der Wechsel von Temperatur und Luftfeuchtigkeit würde den Flöten zusetzen, daher sind historische Holzblasinstrumente zum Beispiel im Gegensatz zu Violinen viel seltener – für den normalen Gebrauch sind die Flöten daher nicht mehr gedacht.
Wie gut, daß das Trio Flautissimo so viel dabeihatte. Denn so ließen sich verschiedene Sonaten oder Trios von Joseph Bodin de Boismortier, einem Pariser Meister, Pierre Danican Philidor oder von Johann Mattheson darstellen. Französische Kompositionen schienen zu überwiegen und darin ein galanter Stil. Luftig und äolisch konnten sie ebenso sein wie intensiv. Erstaunlich zum Beispiel Philidors Troisième Suite für zwei Traversflöten: sehnsüchtig beginnend (Lentement), wandte sie sich einem Rondeau zu, das angenehmer Plauderei entsprach (die passende Tonlage für das Pillnitzer Schloß). Mit der Chaconne steigerte sich der Ausdruck in einem Duett jubilierender Stimmen. Doch nicht immer vollzog sich in den drei, vier oder fünf Sätzen eine Steigerung: Johann Matthesons Sonate Nr. 4 für drei Blockflöten mündet ebenfalls in eine Chaconne, jedoch eine, die nach dem vitalen Allegro zunächst beruhigt. Gleichzeitig konnten die Zuhörer vergleichen, was denn nun »süßer« klang: Matthesons Prélude mit den Blockflöten, die in der Musik so gern mit »dolce« (süß) charakterisiert werden, oder doch Philidors Lentement mit den Traversflöten? Die Meinungen waren durchaus verschieden.
Charakteristisch für die galante oder empfindsame Musik ist, daß sie feine Unterschiede aufzeigt. Und angenehm ist. Wohl deshalb gehörte es für Jacques Hotteterre dazu, dem König im Rahmen der Chambre du Roi vorzuspielen. Damit waren keine Kammerkonzerte vor Publikum gemeint, sondern die musikalische Umrahmung des Aufstehens und des Zubettgehens des königlichen Paares. Die Musik zu solchen Anlässen durfte charmant, amoureuse oder vielleicht auch pikanten Inhalts sein – Ulrike Wolf, Johanna Baumgärtel und Anne-Kathrin Ludwig spielten hier nicht immer im Trio, sondern sangen die zugehörigen Texte der »Schlaflieder«.
Flötisten brauchen nicht nur einen langen Atem, sie haben mitunter auch ein langes Leben. Jacques Hotteterre starb kurz vor seinem 90. Geburtstag, Johann Joachim Quantz wurde immerhin 76 Jahre alt. Als Stadtpfeifer mußte er sich die Flöte(n) zunächst erst aneignen, was ihm aber mit solcher Meisterschaft gelang, daß er schließlich Lehrer Friedrichs des Großen wurde und unzählige Flötenkonzerte schrieb. Seine Triosonate in D für drei Traversflöten bezauberte vor allem harmonisch, während seine Sarabande für Flöte solo virtuos beeindruckte.
Wieviel »Viel Flöte« sein kann, zeigten vor allem zwei Werke Johann Sebastian Bachs, ein Allegro aus der Triosonate Es-Dur (BWV 525) sowie Thema all’imitatio Gallina Cuccu (Satz 5 aus der Sonate BWV 963), ursprünglich für Orgel bzw. Tasteninstrument geschrieben – die Flöte und die Orgel, die viele Pfeifen (Flöten) vereint, stehen sich genaugenommen nah.
Vogelstimmenimitationen gab es noch einmal mit Franz Anton Hofmeisters Terzetto für drei Flöten. Den kurzweiligen Nachmittag rundete das Trio Flautissimo mit einer Leipziger Zugabe ab: »Hebe deine Augen auf« aus Mendelssohns »Elias«.
23. Juni 2024, Wolfram Quellmalz