(Wiederhergestellter Artikel – die Rezension war bereits erschienen, fiel aber einem Datenverlust zum Opfer. Nun ist der Text wieder verfügbar!)
Noch eine Aufnahme mit Cembalo
Als wir einmal bei Encelade im Katalog angekommen waren, entdeckten wir noch viele weitere interessante Aufnahmen und entschieden uns spontan für Marouan Mankar-Bennis »Pièces de caractère« (erschienen 2018) mit Werken von Jean François Dandrieu.
Marouan Mankar-Bennis spielt auf zwei modernen Nachbauten historischer Vorbilder, Kopien eines flämischen Cembalos (17. Jahrhundert) von 2014 sowie eines französischen (18. Jahrhundert), die bereits 1989 angefertigt wurde.
Charakterstücke in der Musik sind keineswegs nur im Sinne Schumanns oder Debussys zu verstehen. Schon lange vor der Romantik oder dem Impressionismus gab es musikalische Allegorien, Variationen und Pièces de caractère (wie bei Philippe Grisvard, den wir für Heft 39 mit Carl Friedrich Christian Fasch gehört haben). Auch Jean-Philippe Rameau und François Couperin waren Meister darin; Jean François Dandrieu nicht weniger – der Cembalist und Komponist bekleidete das Amt des Organisten der Königlichen Kapelle in Versailles und schrieb unter anderem zahlreiche Pièces für Cembalo.

Zwischen Parade und Parodie läge nur ein kleiner Schritt, argumentiert Marouan Mankar-Bennis, bezugnehmend auf eine Begebenheit im Jahr 1726, als zwanzig Männer des Schweizergarde-Regiments für eine königliche Aufführung Tanzunterricht bekamen, und hat aus Stücken Jean François Dandrieus ein Ballett zusammengestellt. Die Sätze – ein Prologue und fünf Actes – wirken äußerst elegant, darüber hinaus rhythmisch präzise, enthalten ebenso Abwechslung wie Steigerungen im Verlauf. Meist sind sie mit einem Charakter verbunden – La Précieuse (die Präzise, eine Courante) geht La Constante (die Konstante, eine Sarabande) voraus, übertroffen werden sie von La Gracieuse (die Anmutige), der mit der Chaconne auch eine »höhere Weihe« in der musikalischen Form zugesprochen wird.
Später treffen sich verschiedene Schäfer, Amouren, einen großen Auftritt hat die Figur der Musette, bevor die Aufnahme in einer luftigen Suite du Concert des Muses einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Den Abschluß widmen Marouan Mankar-Bennis bzw. Jean François Dandrieu den großen Komponisten und Opernfiguren: Lully und Corelli treten ebenso auf wie Orphée. Das letzte Wort (oder der letzte Tanz) gilt Le Tympanon (dem Hackbrett), dem statt eines rauschenden Finales ein letzte Wort zugeschrieben ist.
Interessant ist, daß die beiden Cembali in der (gehörten) Größe oder Modernität nicht eindeutig zuordnen lassen. Hier gibt es also keine klare Steigerung (wie bei anderen Aufnahmen, welche das konzertantere Instrument ans Ende stellen). Schon La Magicienne (Die Zauberin) zu Beginn des ersten Aktes hat einen prachtvollen Auftritt. Marouan Mankar-Bennis schätzt die unterschiedlichen ästhetischen Eigenschaften der Instrumente, die er differenziert anwendet. So ist das (nach dem Vorbild) jüngere Cembalo in seiner Registrierung näher an der Orgel – Dandrieus Hauptinstrument – angelehnt. Große Affekte gibt es mit beiden, bezaubernd ist ein kleines Konzert der Vögel (zweiter Akt), das mit Gezwitscher beginnt, die Liebe besingt und mit einer Vermählung endet. Im dritten Akt werden ganz andere Charaktere dargestellt – die des Krieges, der mit Beschuß und Handgemenge beginnt und mit dem Sieg endet. Freilich schließen diese Betrachtungen nur musik-theoretische Gedanken ein. Die zum Sieg führenden Etappen (eine Niederlage ist nicht vorgesehen) werden übrigens von einer Frauenstimme (im Beiheft nicht erklärt) angesagt. Noch eher als für theoretische Betrachtungen aber sind Dandrieus Pièces de caractère für Mußestunden gut – oder vielleicht doch für ein intimes Ballett?
12. September 2022, Wolfram Quellmalz