Ensemble Fürsten-Musik in Leubnitz
Mit dem ersten »echten« Konzert (nach der Orgelausfahrt und einem Familienkonzert im Cross-over-Format am Wochenende) startete die Alte Musik in Leubnitz am Mittwoch in der Leubnitzer Kirche. Bis Sonntag kommender Woche erklingen verschiedene Alte Musiken, in einer Lesung steht Thomas Bernhard mit einem Text, der sich um Bachs Goldberg-Variationen rankt, im Mittelpunkt.
Doch wann war die »Alte Musik«? Vorsichtig eingeordnet bezieht man sich im allgemeinen auf die Zeit »vor Bach«, doch selbst das ist variabel. Wie das Ensemble Fürsten-Musik wieder zeigte, gibt es ohnehin unterschiedliche Zeitalter der Alten Musik – dem Geburtsjahrgang nach unterschieden sich die Komponisten am Mittwoch um neunzig Jahre, etwa von Mitte des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts und umfaßten damit zwischen Barock, Empfindsamkeit und Frühklassik viele Stile.

Gewunden war das Bukett ein weiteres Mal aus dem Notenmaterial der Sammlung von Maria Antonia Walpurgis – die Fürsten-Musik widmet der Kurfürstin zum 300. Geburtstag gleich ein ganzes Musikjahr. (Nun fand das Mittwochskonzert ausgerechnet zu Goethes 275. Geburtstag statt, der damit glatt übergangen wurde. Doch berücksichtigt man, wie schnöde der Dichterfürst Franz Schubert und dessen geniale Vertonungen mißachtet hat, mag mancher Musikfreund denken, das geschehe ihm recht.)
Um so mehr wurde die Entdeckerfreude angestachelt, auf zwar beiden Seiten. Denn Anne Schumann vermittelte in ihrer Führung durch den Zeitenwandel erneut, wieviel Spaß es mache, Werke von teils vollkommen unbekannten Komponisten, von denen kaum eine Fußnote überliefert und manchmal noch nicht einmal der (korrekte) Name gesichert ist, zu erkunden. Giovanni Battista Lampugnani war immerhin zu Lebzeiten ein bedeutender Musiker, der unter anderem Mozart in Mailand getroffen hat. Seine Sonata V für zwei Violinen und Basso continuo verband die Allegro-Sätze mit einem lieblich-beschaulichen Largo, nach dem die Pointiertheit noch einmal wuchs. Zum Basso continuo gehörte übrigens wieder neben dem Cembalo (Sebastian Knebel) die Viola da spalla von Klaus Voigt, die zu groß ist, um sie am Brustbein oder unter dem Kinn zu spielen, weshalb sie an einem Band um den Hals getragen wird. Dennoch hat sie einen erstaunlich tiefen, dunklen und wandelbaren Klang und übernahm später einmal die Rolle des Violoncellos.
Mit Johann Jakob Walther wandte sich die Fürsten-Musik dem ältesten Komponisten des Abends zu. Seine Sonate IX für Violine und Basso continuo aus der Sammlung Hortulus Chelicus (die ebenfalls in Maria Antonia Walpurgis Noten zu finden ist) lud zum Verweilen ein, zeigte viele Duette zwischen der solistischen Violine und der nicht allein im Basso continuo verankerten Viola da spalla. Vor allem die Sarabande überzeugte mit ihrer Sinnlichkeit.
Von Joseph Paur, offenbar ein Violinist der Hofkapelle, ist außer sechs Sonaten kaum etwas erhalten (nicht einmal die Lebensdaten sind überliefert). Seine Werke jedoch widmete er Maria Antonia. Beschaulich beginnend, gerieten die beiden Allegro-Teile seiner Sonate IV zunehmend beherzt, vor allem das letzte war rhythmisch geprägt.
Trios für zwei Violinen und Violoncello scheinen uns heute ungewöhnlich, jedoch waren sie einst sehr beliebt. Bei Haydn oder Boccherini (wahlweise mit zwei Flöten) finden wir sie, oder bei Johann Gottlieb Naumann in seinem Trio A-Dur. Spätestens jetzt zeigte sich, daß Namen für Werke wie »Mondschein« oder »Rosamunde«, selbst wenn sie nicht immer korrekt oder vom Komponisten gewollt sind, zur Überlieferung beitragen. Mit Naumann vollzog sich deutlich der Wandel zur Vorklassik, den die Fürsten-Musik spielerisch meisterte, was für das Ensemble ebenso sprach wie für die sammelnde Fürstin, die neugierig war für (damals) Neue Musik sowie für den Hof, wo solche erblühte.
Wie Naumann war auch Giovanni Battista Ferrandini ein Lehrer der Kurfürstin gewesen. Wieder »nur« eine Sonate, bereicherte sein Werk, das teils an Spieluhrmotive erinnerte und aus dem das Cembalo silbrig herausblinkern durfte, das Konzert um eine Facette des Rokoko, wonach sich mit Nicola Antonio Porpora einer der damals berühmtesten Virtuosen und Komponisten Europas präsentierte. Seine Sonate hielt dramaturgischen Einfallsreichtum bereit, worüber sich die Fürsten-Musik, die nach der krankheitsbedingen Absage des Sängers kurzfristig umplanen mußte, besonders freute. Dies, verwies Anne Schumann (zu recht), sei im Grunde eine instrumentale Oper.
Für eine Sonate Johann Baptist Nerudas kehrte Anke Strobel (Violine) ins Ensemble zurück, während Anne Schumann die Violine d’amore übernahm. Festlich und teils sehr flott fochten die Damen ihr Duett der Streichinstrumente.
29. August 2024, Wolfram Quellmalz
Am 29. Oktober setzt die Fürsten-Musik ihre Reihe mit Musik aus der Sammlung Maria Antonia Walpurgis‘ fort. Dann werden in den Räumen der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) auch einige der Stücke gezeigt.
https://www.musik-in-leubnitz.de/veranstaltungen/aktuelle-veranstaltungen.html
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