Von elegisch bis quicklebendig

(Der Artikel erscheint wegen einer redaktionellen Änderung der Erstausgabe / Tageszeitung verspätet.)

Musik Festival Radebeul eröffnet

Zugegeben – nicht nur das große »M« als Kennzeichen, auch das Konzept, ein Musiker trifft sich im Spätsommer mit seinen Freunden und spielt Kammermusik, erinnert an manches andere Musikfest (ob nah oder fern). Allerdings muß man »Albrecht Menzel & Friends« (Untertitel) zugestehen, daß sie ein eigenes Format gefunden haben. Dazu gehören Bildungs- bzw. Schülerangebote ebenso wie eine theoretisch und praktisch erfahrbare Annäherung an den besonderen Zauber von kostbaren Instrumenten.

Und Orte: Das Eröffnungskonzert am Sonntag fand in der Maschinenhalle des ehemaligen VEB Zerma statt. Ein reizvoller Ort, wenn auch kein besonders stiller mit der Autobahn in der Nähe, aber atmosphärisch interessant. Nebenan stehen Kompressoren – da rückt ein Sponsor sozusagen buchstäblich nahe. Albrecht Menzel hat über das reine musizieren hinaus offenbar viele Talente, denn neben den unverzichtbaren finanziellen Unterstützern gewann er den Präsidenten des Sächsischen Landtages, Dr. Matthias Rößler, der das Musik Festival Radebeul am Sonntagnachmittag eröffnete.

Was setzt man aufs Programm, wenn man keinen Ort abgeschiedener Stille, kein Märchenschloß aufsucht? Einen gekonnten Mix: temperamentvolle Musik, eine ungewöhnliche, selten gehörte Kombination und eine schwungvollen Klassiker. Rachmaninow – Bottesini – Schubert.

Russische Klaviertrios sind ebenso legendär wie emotional und temperamentvoll beladen. Was mit Glinka und Tschaikowsky begann, fand später bei Schostakowitsch einen Höhepunkt. Sergei Rachmaninow nannte sein schwelgerisches g-Moll-Werk gleich »Trio élégiaque«. Albrecht Menzel, (Violine), Mon-Puo Lee (Violoncello) und Elisabeth Brauß (Klavier) formten den elegischen Charakter mit reichem Vibrato aus, banden melancholische, kantable und rhapsodische Abschnitte dicht zusammen, so daß das Werk in seiner komplexen Fülle fast an manche sinfonische Streichtrios erinnerte. Doch weniger stand die Form Trio oder Sinfonie im Vordergrund, hier wurde die russische Seele besungen.

Von links: Albrecht Menzel, Sara Ferrández, Elisabeth Brauß, David Santos Luque und Mon-Puo Lee, Photo: Musik Festival Radebeul, © Patrick Böhnhardt

Um sogleich in italienische Gefilde aufzubrechen. Giovanni Bottesini war ein begnadeter Virtuose – auf dem Kontrabaß. Er war zudem Dirigent und Komponist und schrieb Stücke, die deutlich über manchem stehen, was andere Spieler für sich oder nur für das eigene Instrument schrieben. Die Fantasia »Puritani« für Violoncello, Kontrabaß (den Part übernahm David Santos Luque) und Klavier bewies Eloquenz und Virtuosität, ließ die vermeintlich tiefen Streichinstrumente in höchste Flageoletthöhen jubeln und im Duett singen.

Hatte sich Elisabeth Brauß bereits als sichere Basis und pointierte Stimme erwiesen, tat sich Mon-Puo Lees Violoncello immer wieder als volltönender, gefühlvoller Sänger hervor. Das blieb noch im letzten Stück des Nachmittags so, als sich die vier bisherigen Spieler mit Sara Ferrández (Viola) für Franz Schuberts »Forellenquintett« (D 667) trafen.

Nach dem gemeinsamen Auftakt gab zunächst der Kontrabaß das Tempo vor, nahm Fahrt auf. Auch wenn die fünf Stimmen nicht immer ganz ausgewogen waren, gewann Schuberts musikantischer Einfluß mehr und mehr die Oberhand. Der Komponist hatte sein Geld unter anderem damit verdient, anderen zum Tanz aufzuspielen. Tänzerisches wie die Ländlerform fand sich immer wieder in seinen eigenen, ernsthaften Kompositionen, auch das »Forellenquintett« lebte in diesem Charakter auf. Im ersten Satz bestimmten vor allem Klavier und Violoncello das musikalische Zentrum, dem leicht schwermütigen Andante fügte Elisabeth Brauß die Wasserperlen bei, während Albrecht Menzel melodisch führte.

Natürlich warteten alle auf die dem beherzten Scherzo folgenden Variationen, die noch einmal die Temperamente verbanden, sanfte Wellen und galoppierende Streicher (oder springenden Forellen) formulierten. Im Finale fanden alle fünf einen lebhaften Schlußpunkt.

26. August 2024, Wolfram Quellmalz

Das Konzert vom Donnerstag in der Friedenskirche Radebeul wurde von mdr Klassik aufgezeichnet (Sendetermin: 26. September). https://musikfestivalradebeul.de

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