Dreiklang der Dreiklänge

Residenzkünstlerin Mayumi Hirasaki bei einem außerordentlichen Konzert im Musikfest Erzgebirge

Das Musikfest Erzgebirge hat schon immer den Dreiklang aus Kunst bzw. Musik, Aufführungsort bzw. Architektur und Landschaft fest in seinem Programm eingewoben. Am Montag wurde dies auf Schloß Augustusburg noch einmal betont, denn die Residenzkünstlerin Mayumi Hirasaki (Barockvioline), der Mailänder Organist Lorenzo Ghielmi am Cembalo sowie Michael Freimuth (Lauten) malten »Das zarten Strahlen der Musik« (Programmtitel) nicht nur wunderbar aus, sie saßen dazu unter dem von Lukas Cranach dem Jüngeren gestalteten Altar der Schloßkirche in einer der schönsten Umgebungen. Allein das Bild mit Kurfürst August von Sachsen und seiner Familie und dessen perspektivische Wirkung ist ein spektakuläres Werk, ein einmaliges Erlebnis!

Lautenist Michael Freimuth, Residenzkünstlerin Mayumi Hirasaki und Cembalist Lorenzo Ghielmi, Photo: Musikfest Erzgebirge, © Mathias Marx

Doch die Steigerung liegt manchmal nicht in der weiteren Überhöhung, sondern der Verfeinerung. Wie sich Bild, Altar mit Kreuz in der Schloßkapelle, Landschaft und Abenddämmerung in einer sinnlichen Wahrnehmung vereinigten, so fanden mit dem Trio drei individuelle Musiker zusammen. Mayumi Hirasaki hat ihre Prägung und spezielle Ausbildung an der Barockvioline in München, Luzern, Bamberg und Nürnberg erfahren, mittlerweile unterrichtet sie selbst in Nürnberg. »Barock« bedeutet bei ihr eine höchst vitale Bogenführung, die nicht nur ganz unterschiedliche Klänge erzeugen, sondern mannigfaltige Szenen aufblättern kann. Das ist keine Übertreibung – während mancher Violinist bei einem Ausflug in den Barock zwar lebendiger spielt, aber dennoch nur in einem Stil, weshalb Vivaldi wie Bach klingt, wußte Mayumi Hirasaki bei jedem der Komponisten bzw. Werke eine eigene »Landschaft« zu finden.

Johann Sebastian Bachs Sonate G-Dur (BWV 1021) lebte vor allem in den langsamen Sätzen von der Gesanglichkeit der Violine, das Adagio kann man zu Bachs schönsten Sätzen überhaupt zählen. Zumindest in der Interpretation von Hirasaki, Ghielmi und Freimuth. Denn die Ausgewogenheit dieses Trios bezauberte noch in seiner (scheinbaren) Ungleichgewichtigkeit, gab doch die Laute, eigentlich im Basso continuo verankert, als deutlich wahrnehmbare zweite Stimme dem Stück einen besonderen Puls. Lorenzo Ghielmi empfand die im Vergleich am wenigsten auffällige Baßstimme offenbar nicht als undankbare Aufgabe, sondern füllte sie im musikalischsten Sinne aus, natürlich durfte das Cembalo hier und da besonders »blinkern«. Ein Solobeitrag sollte ohnehin folgen, zunächst erklang aber Bachs Schwestersonate e-Moll (BWV 1023), die sich durch ihre besonders lyrische Violinstimme auszeichnete.

Einmalige Atmosphäre: Das Trio vor dem Altar von Lucas Cranach dem Jüngeren, Photo: Musikfest Erzgebirge, © Mathias Marx

Wie anders als Bach Vivaldi klingen kann, zeigte dessen Sonate a-Moll (Opus 2 Nr. 12). Auch diese mit einer äußerst gesanglichen Violine, doch jetzt mit geradezu opernhaft theatralischem Ausdruck! Die dramatischen Ausbrüche der langsamen Sätze wurden von einem atemberaubend schnellem Presto verbunden und fanden ein glückliches, beflügelndes Finale.

Michael Freimuth eröffnete den Reigen der Solostücke mit einer Fantasie C-Dur von Silvius Leopold Weiss, einem zu Lebzeiten höchstgeschätzten Königlichen Kammerlautenisten am Sächsischen Hof. Die Klangwelt der Laute (Michael Freimuth hatte die theorbierte gegen die Knickhalslaute getauscht) ist ohnehin eine besondere Erfahrung, verbindet das Instrument doch melodische Stimme und tiefen Baß, strahlt dabei eine Ruhe aus, ganz anders als die vibrierende, »aufgeregte« Mandoline. Nichts anderes als ruhevolle Gediegenheit brach sich hier musikalisch Bahn.

Mayumi Hirasaki ließ solistisch den Bogen über eine Fantasia von Georg Philipp Telemann hüpfen und springen, verband rauhe Mitteltöne mit zierlichem Vogelgesang. Tags zuvor hatte Lorenzo Ghielmi während der Proben seinen 65. Geburtstag gefeiert, nun führte er mit Johann Sebastian Bachs Fantasie für Cembalo a-Moll (BWV 922) vor, wie freizügig und offenherzig der Komponist geschrieben hat, der sonst oft streng und mächtig scheint.

Eine italienisch anmutender Beitragvon Johann Georg Pisendels hatte das Programm der Sonaten für Violine und Basso continuo fortgeführt, noch reizvoller war jedoch Francesco Maria Veracinis Sonate d-Moll (Opus 2 Nr. 12) zum Schluß, denn der Komponist hatte in allen Sätzen das Thema aus einem Grundmotiv abgeleitet – was im Barock ungewöhnlich war – und es kunstvoll über die Passacaglia hinaus entwickelt. »Capo pazzo« (Wirrkopf) nannten Kollegen Veracini, auch wegen dessen Spielweise. Doch war dies keineswegs abwertend gemeint, denn sie anerkannten, wie der Musikschriftsteller Charles Burney, Veracinis außerordentliches, ungewöhnliches Talent. Mit Mayumi Hirasaki klang es nicht wirr, sondern ungemein aufregend!

Mit einer Zugabe, einem Satz aus Bachs c-Moll-Sonate, einem Abendlied gleich, verabschiedete das Trio sein Publikum.

3. September 2024, Wolfram Quellmalz

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