(Wegen der Erstveröffentlichung für die Tageszeitung folgen die online-Ausgaben unserer Artikel mit erst jetzt mit etwas Verzögerung.)
Musikfest Erzgebirge ließ Zinnkammern und Annaberger Annenkirche strahlen
Das erste Wochenende des Musikfestes Erzgebirge (MFE) durfte sich sehen lassen. Nach einem Eröffnungskonzert (30. August), das via Radio über die Georgenkirche in Schwarzenberg hinausstrahlte, zeigte sich das Publikum auch beim improvisierten Bach-Jazz-Breakdance-Format (Sonnabend, Marienberg) begeistert. Am Sonntag (1. September) kehrte das Ensemble Nel Dolce, das tags zuvor bereits das Familienkonzert »Tierisch Barock« ausgerichtet hatte, in die Zinnkammern Pöhla ein.
Dort war es noch ein wenig kälter und feuchter, als sich mancher gedacht hat. Und auch die Ein- und Ausfahrt, jeweils etwa eine halbe Stunde (Grubenbahnfahrt und Fußmarsch) verlangte dem Publikum einiges ab. Doch das wußte wohl, worauf es sich einließ – der Stimmung jedenfalls setzten die klimatischen Bedingungen nicht zu, das Ausfahren – die kleinen Bahnen haben nur begrenzte Sitzplätze – verlief reibungslos und überraschend flott. Das war nicht zuletzt ein vom Veranstalter gut geplanter Ablauf.

Nel Dolce hatte sich für den besonderen Raum ein besonderes Programm ausgedacht und das historische Format der »Harlequinade« aufgegriffen. So wurden in England komische Geschichten des Harlekins, der sich oft selbst verliebt oder (von ihm unerkannt) Objekt des Verliebtseins ist, im Theater pantomimisch erzählt, wofür Theatermacher oder Musiker Stücke zusammenstellten und oft bekannte Werke berühmter Komponisten wie Händel oder Purcell verwendeten. In kleiner, flexibler Besetzung erweckten Stephanie Buyken (Blockflöten, Kastagnetten und Gesang), Justyna Niznik (Violine), Harm Mieners (Violoncello) und Natalie Spehl (Cembalo) diese Musik zum Leben und machten in einem eingeschobenen Intermezzo Ausflüge bis nach Frankreich, wo sich Jean-Philippe Rameau musikalisch der Pantomime genähert hatte.
Mieke Stoffelsen schlüpfte in die Rolle des Harlekins (Masken von Pia Janssen), wobei sie weniger einer klassischen Pantomime, wie wir sie kennen (weißes Gesicht und schwarzes Kostüm) folgte, sondern aus ihrer Erfahrung vom Theater und als Klinikclown sowie Clowncoach die im Textheft beschriebenen Szenen mimisch und mit Gesten begleitete – das Publikum nahm’s mit Vergnügen.

Wer mochte, konnte nach diesem Nachmittagskonzert zur St.-Annenkirche nach Annaberg fahren. Vorbei wild bebilderten Laternenpfählen, zwischen deren mehr oder minder schönen und glaubwürdigen Wahlplakaten immer wieder jenes des MFE herausleuchteten. In welcher Farbe eigentlich? Ist das noch Orange oder schon Rosa?
Die Antwort gab es praktisch im Konzert von Ars Nova Kopenhagen, einem der beeindruckendsten Chöre Europas unter der Leitung von Sofi Jeannin. Denn gleich in den ersten Liedern, James MacMillans »O radiant dawn« (Oh strahlende Morgenröte) und Hugo Alfvéns »Aftonen« (Nachmittag), war die Sonne in Auf- und Untergang nicht nur Thema, sondern wurde mannigfaltig chromatisch ausgestaltet – das MFE-Plakat entspricht demnach vermutlich der Morgenröte.
Den Klang von Ars Nova Kopenhagen zu beschreiben, ist ungleich schwieriger, denn er ist vielgestaltig: bei James MacMillans kraftvoll aufscheinend und volltönend, so daß man einen viel größeren Chor als zwölf Sängerinnen und Sänger vor sich zu haben meint, bei Alfvén schon teilten sich gesungene Textzeilen und ein Summklang, der Weite und Ruhe schuf. Und sogleich lotete Ars Nova Kopenhagen mit einem traditionellen schwedischen Lied (»Uti vár hage« / »In unserem Garten«) die Farben Rot und Blau leuchtend aus.

In seiner Gesangskunst verband das Dänische Ensemble die Alte Musik der Gregorianik, wie sie Gregorio Allegri in sein Miserere (17. Jahrhundert) kunstvoll eingebunden hat, mit einige anrührend schlichten Liedern, etwa Christoph Ernst Friedrich Weyses »Wanderers Nachtlied« oder Arvo Pärts »Morning star«.
Nicht nur die Art der Lieder unterschied sich oder ihre Entstehungszeit, auch die Form der Darbietung. Dabei ist die Annenkirche mit ihrem Schlingrippengewölbe allein schon ein beeindruckender Ort, der noch dazu einen akustischem Reiz bietet – Gregorio Allegri Miserere war ein absoluter Höhepunkt! Das Ensemble konnte sich dabei mühelos umformen, in unterschiedliche Chöre (für Gregorianik oder Echo) aufteilen, einmal die Männer- oder Frauenstimmen allein klingen lassen. Das Ergebnis war in jedem Fall unvermindert ausdrucksstark!
Als festliches Abschlußkonzert des ersten Wochenendes hätte man sich kaum etwas Schöneres, Höherwertigeres wünschen können. Die Gegenüberstellung des Miserere-Textes am Ende in einer Fassung des zeitgenössischen Komponisten James MacMillans gelang um so reizvoller. Die Gäste bedankten sich für den Applaus mit einer Zugabe aus ihrer Heimat, Svend S. Schultz‘ »Yndigt dufter Danmark« (Dänemark riech herrlich).
2. September 2024, Wolfram Quellmalz
Musikfest Erzgebirge