Am Mittwoch zweite Chance: Capella Cracoviensis in Dresden
Das historische Palmyra ist nicht mit der Stadt in Kolumbien zu verwechseln, sondern lag im Gebiet des heutigen Syrien. Felice Romani, der unter anderem zahlreiche Libretti für Gaetano Donizetti, Vincenzo Bellini oder Giacomo Meyerbeer verfaßte, schrieb auch für Gioachino Rossini zahlreiche Texte, darunter die dramatische Oper »Aureliano in Palmira«.

DAS STÜCK
Palmira, in dem Königin Zenobia herrscht, wird vom römischen Kaiser Aureliano erobert. Aureliano ist von Zenobia fasziniert und möchte sie gern für sich gewinnen, doch Zenobia liebt den persischen Prinzen Arsace. Aureliano läßt Arsace verhaften, doch dieser entkommt und sammelt ein Heer, das gegen Aureliano zieht – erfolglos. Nachdem Arsaces Heer vernichtend geschlagen wurde, sollen Zenobia und er für immer getrennt eingekerkert werden. Daß sich Publia, Aurelianos Vertraute, ebenfalls in Arsace verliebt hat, verkompliziert die Angelegenheit zunächst zusätzlich.
Doch schließlich überwindet die edle Liebe Hindernisse: Publia möchte den geliebten Arsace (den sie nicht »bekommen« kann) retten und bittet für ihn um Gnade. Außerdem rührt Aureliano eine herzzerreißende Liebesszene, als sich Zenobia und Arsace für immer voneinander verabschieden – er begnadigt beide.
(Zwar gibt es für die Figuren für Zenobia und Aureliano historische Vorbilder, doch die Handlung ist frei erfunden.)
DIE AUFFÜHRUNG
Am Freitag kam die Capella Cracoviensis zu einem ersten Konzert nach Dresden in die Lukaskirche. Zwar ist die Capella Cracoviensis ein Originalklangorchester, die sich aber nicht im Barock oder der Alten Musik festgeschrieben hat, sondern von Orlando di Lasso und Heinrich Schütz bis Karol Szymanowski und Arvo Pärt in jeder Zeit die Originalität suchen. Auch Stanisław Moniuszko »Halka« haben sie bereits aufgeführt und aufgenommen.
Mit seinem jetzigen Leiter Jan Tomasz Adamus hatten sich Chor und Orchester der Capella Cracoviensis zu Rossinis 1813 uraufgeführtes Werk konzertant vorgenommen. Für die Rollen stand eine Reihe von Solisten um den Countertenor Franco Fagioli zur Verfügung.
Wegen des kurzen Planungsvorlaufs hatte sich das Konzert leider nicht weit herumgesprochen, insofern war das Publikum überschaubarer als erwartet, reagierte dafür am Ende um so enthusiastischer auf die bewegende Darbietung. Nicht zuletzt hatten sich Opernfreunde, die dem Orchester bzw. Franco Fagioli über die Sozialen Medien folgen und den Termin kannten, für die seltene Aufführung eingefunden und waren unter anderem extra aus Berlin angereist.
Sie wurden nicht enttäuscht, denn Jan Tomasz Adamus sorgte für eine emotionale Ausdeutung, so daß die fehlende Szene in der Darstellung auch ohne Bühne und Kostüme leicht ersichtlich wurde. Der Chor mit seinen kräftigen Stimmen konnte zusammen oder getrennt nach Frauen- und Männerstimmen, Hirten und Heere darstellen.
Unter den Solisten fiel erwartungsgemäß Franco Fagiolis Arsace besonders heraus und auf. Der Countertenor überzeugte nicht nur mit einer berückenden Vitalität, sondern noch mehr, daß er diese über einen weiten Stimmumfang präsentieren konnte, ohne daß sich charakteristische Unterschiede (oder unterschiedliche Klangfärbungen) eingestellt hätten. Der Wert der Aufführung wuchs aber auch deshalb, weil sich das Ensemble nicht um den Star gruppierte, sondern mit einer furios leidenschaftlichen Zenobia (Mercedes Arcuri), einem aufs Herrschen bedachten, letztlich aber strategisch überlegenden und fortschrittlichen Kaiser Aureliano (Krzysztof Lachman) gleichwertige Gegen- bzw. Mitspieler auf der Bühne standen. Nicht zu vergessen Joanna Sojka, die mit milderem Sopran die Verzagtheit und Nachdenklichkeit Publias glaubwürdig darstellte.
Das Orchester der Capella Cracoviensis hatte seiner Bestimmung gemäß Instrumente aus der Zeit der Uraufführung gewählt. Allein dieses Werk zu erleben, von dem praktisch jeder Musikfreund die Ouvertüre kennt, das Werk aber noch nie gesehen hat, war ein großartiges Erlebnis. Solche rare Opern gehören zu »Spezialstrecke« der Capella Cracoviensis, die mit Opera rara eine eigene Reihe hat, um solche Stücke zur Aufführung zu bringen. Jan Tomasz Adamus erwies sich dabei – rar hin, selten her – als umsichtiger und erfahrener Leiter, der es mit kleinen Gesten gegeben war, nicht Takt und Einsätze vorzugeben, sondern feine Justierungen vorzunehmen. Dabei hielt er manchmal inne, hörte auf die hinter ihm stehenden Sänger und folgte deren Interpretation und Zeitmaß – ein handwerklich grundlegendes Vorgehen, das bei solchen Einzelereignissen (im Gegensatz zu inszenierten Opern, deren Aufführung sich im Verlauf des Repertoires entwickeln kann) weine wesentliche Voraussetzung ist.

So konnten Hornstöße die Handlung mit Kolorit »befeuern« oder fanden im Solo mit Klarinette und Flöte zum Trio. Ein bißchen war es wie noch mitten in der Mozartzeit (woher sich die Opern entwickelt hatte), zum Beispiel, weil Jan Tomasz Adamus vom Cembalo aus begleitete, das aber nicht nur einen klassischen Basso continuo darstellte, sondern auch in der Arienbegleitung wie ein Pianoforte eingesetzt wurde. Und auch die Klarinette, die Zenobia in den Arien teils wie in Duettsänger folgte, erinnerte daran, wie Mozart diese Instrumente einst in Italien kennengelernt und dann eingesetzt hatte. Sanfte Pizzicati wiederum untermalten feine kantable Linien.
So durften am Ende vor allem die drei Hauptpersonen glänzen – ganz wie man es bei Rossini (und Mozart) erwarten darf, die so sängerfreundlich geschrieben haben: ein kräftig strahlender (dabei nicht zu dominant werdender), unbeugsamer, aber nachdenkender Held (Aureliano), eine leidenschaftlich liebende, koloraturfunkelnde Königin Zenobia und ein glücklicher Gegenspieler mit überragender Stimmkraft (Arsace) – bei so viel Ausdruck konnte man auf Bühne und Kostüme leicht verzichten!
15. September 2024, Wolfram Quellmalz
Am kommenden Mittwoch geht es mit Giacomo Carissimis Oratorium »Jephte« (19:30 Uhr, Dreikönigskirche Dresden) fast zweihundert Jahre von Rossini zurück. Carissimi hatte damit Mitte des 17. Jahrhunderts einen neuen Typus des Oratoriums geschaffen. Die Aufführung findet szenisch statt.
Achtung, Änderung! Wegen der Hochwasserlage / beschädigten Straßen in Polen kann die Capella Cracoviensis am Mittwoch (18. September) nicht anreisen. Die für 19:30 Uhr geplante Aufführung von Giacomo Carissimis Oratorium »Jephte« in der Dreikönigskirche Dresden muß vorläufig entfallen, soll aber zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Wir werden Sie rechtzeitig informieren.
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