Die Kraft des Requiems

Sächsische Staatskapelle und Daniele Gatti zelebrieren Verdis »Messa da Requiem«

Giuseppe Verdis »Messa da Requiem« gehört unter den Requiem-Vertonungen zu den emotionalsten, opernhaftesten. Nicht nur, daß man den Autor von »Don Carlos« und »La forza del destino« unmittelbar erkennt, sein Requiem, aus Anlaß des Todes von Gioachino Rossini begonnen, wollte Verdi gar nicht in einem sakralen Bau aufführen. Lieber gedachte er des geschätzten Kollegen in einem Opernhaus. Der Konflikt, Disput oder die Frage, wieviel »Oper« in der Kirche passieren darf, gehört sowieso seit Jahrhunderten in Venedig, Rom oder Leipzig zu den immer wieder diskutierten.

Insofern »darf« das Verdi-Requiem, im Rahmen der Gedenkkonzerte zum Jahrestag der Zerstörung Dresdens, aber eben auch in die Reihe der Sinfoniekonzerte der Sächsischen Staatskapelle zählend, durchaus opernhaft klingen, erst recht, wenn es wie gestern in der Semperoper aufgeführt wird.

Giuseppe Verdis »Messa da Requiem« mit der Sächsischen Staatskapelle und Daniele Gatti, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Faßt man die ganze Spielzeit und den Amtsantritt von Chefdirigent Daniele Gatti ins Auge, fällt zunächst ein ausgewiesener Mahler-Schwerpunkt auf, den der Mailänder zuletzt im Sonderkonzert »Natur pur« weiterverfolgt hat. Während dreier Spielzeiten will er seinen Zyklus – den ersten der Staatskapelle! – vollziehen. Doch wer Daniele Gatti kennt, weiß auch, daß Giuseppe Verdi kaum weniger zu seinen Repertoireschwerpunkten gehört. Insofern waren die Erwartungen für die beiden Aufführungen gestern mehr als (erfreut) hoch – 1951 hatte die Tradition der Gedenkkonzerte der Staatskapelle mit Verdis Messa begonnen, die in den ersten drei Jahren aufgeführt worden war. Immer wieder einmal war sie auch später zum 13. Februar erklungen, die letzte Aufführung lag nun aber einige Jahre zurück.

Was Daniele Gatti gestern im Semperopernhaus entfesselte, kann man schon fast »gewaltig« nennen. Der packende, großartige Eindruck wurde durch eine Spannung getragen, die vom Chef selbst ausging, der emotional teilnahm, führte, forderte, korrigierte, viele Texte mitsang und mit jeder Note mitzuvibrieren schien. Ein Wagnis an vielen Stellen, sicher, aber eines mit Kalkül UND Gefühl – weder die Staatskapelle noch der fabelhafte Sächsischer Staatsopernchor, der um einige Mitglieder der EuropaChorAkademieGörlitz erweitert war, gerieten dabei in die Gefahr einer Überemotionalisierung oder Überdeutung des Werkes. Insofern überwog der beseelte, den Menschen hingegebene (seien es jene, denen man das Gedenken widmet, oder jene, die am Konzert teilnahmen) Eindruck.

Emotion und Spannung pur: Daniele Gatti, Photo: Sächsische Staatskapelle Dresden, © Oliver Killig

Schon das Piano, mit dem die Streicher – wie aus dem Nichts! – den ersten Teil (Requiem) begannen und in den der Chor feinfühlig einstimmte, legte mit seinem schwebenden Charakter eine Differenzierungsstärke Daniele Gattis offen. Mit dem mehrfach wiederkehrenden »Dies irae«, steigerte er dies und bündelte Chor und Kapelle, als handele es sich um Licht- oder Feuerstrahlen.

Wichtig, wesentlich und kniffelig sind gerade bei solch emotionalen Werkauffassungen die Solistenensemble. Das Quartett mit Eleonora Buratto (Sopran), Szilvia Vörös (Mezzosopran), Francesco Meli (Tenor) und Michele Pertusi (Baß) mußte sich in der Tat auch noch »finden«. Etwas scharf und schneidend schien anfangs der Sopran, Francesco Meli forcierte allzu stark in den ersten Passagen, fand aber bereits für seine Solopassage (»Ingemisco tamquam reus« / »Seufzend steh‘ ich schuldbefangen«) zu großartigem, nicht mehr überreiztem Ausdruck. Der wohlige Baß von Michele Pertusi war von Beginn ein sicherer Grund, während Szilvia Vörös ihre formidablen Stärken mit einer enormen Bandbreite und einem anrührenden Legato mühelos ausspielte. War das Quartett zunächst also noch etwas ungewichtig, fügte es sich nach und nach immer besser, so daß es am Schluß fast völlig »eins« war. Wesentlich waren auf diesem Wege die Duett- und Terzettexte, großartig, wie sich in eher dunklen Passagen mit einem Mal die beiden Frauenstimmen voneinander abhoben, um sogleich wieder zu verschmelzen!

Viele ganz wunderbare Eindrücke ergaben sich auch und gerade wegen der engen Verbindung von Sänger oder Chor und Kapelle, die übrigens – wann erlebt man das einmal? – mit vier Ersten Konzertmeistern bzw. Stellvertretenden Ersten Konzertmeistern allein an den ersten Pulten der ersten Violinen spielte. Immer wieder sorgten die Blechbläser für Gänsehautmomente, ob im Verbund mit dem edlen Baß von Francesco Meli, mit dem Chor oder den beiden Frauenstimmen (Agnus dei), doch schon mit den aus dem oberen Proszenium spielenden Trompeten im Dies-irae-Teil hatten sie für glänzende Lichteffekte gesorgt.

Nicht zu vergessen der homogen gefügte Chor, der immer wieder allein oder im Wechsel mit den Solisten a-cappella-Passagen in Ruhe beließ, aber mit Herz belebte. Die stärksten Eindrücke ergaben sich aus solchen Stimmwechseln zwischen Solisten und Chor wie beim »Salva me« im zweiten Teil des »Dies irae« oder im fast überwältigenden Sanctus, aber ebenso in der Verbindung mit der Sächsischen Staatskapelle. Die Bläser konnten dabei ebenso die Sänger »tragen«, wie dies die Streicher sonst vermögen.

Höchste Dramatik gepaart mit größter Feinfühligkeit, ein so von Herzen kommendes Requiem erlebt man selten. Wie es ins Gebet zurücksank (Sopran: »Libera me, Domine«) war einfach großartig – eines jener Konzerte, das man noch einmal erleben müßte, da doch erfahrungsgemäß eine zweite (oder gar dritte) Aufführung die erste meist übertrifft.

13. Februar 2025, Wolfram Quellmalz

Sächsische Staatskapelle Dresden, Daniele Gatti (Leitung) Giuseppe Verdi »Messa da Requiem«, heute 19:00 Uhr noch einmal in der Semperoper. Das Konzert wird auf ausgewählten Kultursendern der ARD (NDR Kultur, MDR Klassik) zeitversetzt ab 20:03 Uhr übertragen).

Buchtip: Da Giuseppe Verdi die Messa seinem Freund Alessandro Manzoni gewidmet hatte, sei an dieser Stelle auf dessen großartigen Roman »Die Verlobten« verwiesen, im Bild eine vielgelesene Ausgabe von Manesse, auch Suhrkamp, Aufbau und andere

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