Und koste es mein Leben!

Wiederaufnahme von »Tosca« begeistert das Publikum der Semperoper

Gleich zwei Männer sind bereit, ihr Leben hinzugeben: der Maler Mario Cavaradossi will den Freund und ehemaligen Römischen Konsul, Cesare Angelotti, vor den Häschern des perfiden Polizeichefs Scarpia retten. »Koste es auch mein Leben, ich rette Euch!« – wie schnell seine Worte Realität werden sollten, hätte Cavaradossi aber wohl nicht geglaubt. Ebensowenig wie Scarpia, der noch am gleichen Tag sterben soll, an dem er sagt: »Ich gäbe mein Leben, diese Tränen zu trocknen«, erstochen durch die Hand derjenigen, deren Augen die Tränen entsprangen.

Die Wiederaufnahme von Puccinis Erfolgsstück wurde am Sonnabend in der Semperoper ausgiebig vom Publikum gefeiert, und das lag an vier Garanten, die zum Gelingen beigetragen hatten: Zunächst und mit dem größten Applaus bedacht Riccardo Massi, der die erste Vorstellung kurzfristigst nach der Absage von Joseph Calleja übernommen hatte und die Enttäuschung über diesen Wechsel unmittelbar vergessen ließ. Massi kennt die Rolle nicht nur bestens, er hat sich quasi über Nacht mit Johannes Schaafs Inszenierung vertraut gemacht und in Christof Cremers Bühnenbild einen Aktionsraum gefunden, sich zu entfalten. Da war sogar noch ein Durchatmen Cavaradossis fürs Publikum drin, als sich Tosca und er im ersten Akt endlich trennen – beide waren zuvor in eine Eifersuchtsszene verwickelt, weil die blauen Augen einer gemalten Magdalena zu sehr denen der Marchesa Attavanti ähnelten – Mario solle der Magdalena schwarze Augen malen. Massis Geste schien »diese Frau(en)« zu sagen, dabei hatte der Maler ganz andere Sorgen, denn im Versteck der Kapelle wartete Cesare Angelotti, der eben aus der Engelsburg geflohen war. Cavaradossi half ihm, zu entkommen, was den Maler aber letztlich das Leben kostete.

Drinnen wird ein Te Deum gefeiert, draußen jagt Scarpia Angelotti, Sächsischer Staatsopernchor, Sciarrone (hier in einer früheren Besetzung: Tilmann Rönnebeck), Photo: Sächsische Staatsoper, © Klaus Gigga

Johannes Schaaf kluge Regie (Garant Nr. 2) setzt auf die Ambivalenzen, wenn etwa der Polizeichef in der Kirche Verfolgung die aufnimmt, Ränke schürt und sich freut »schon wirkt das Gift«, während am selben Ort ein Te Deum gefeiert wird. Die Inszenierung wirkt deshalb noch heute frisch, weil sie auf die Personen und letztlich das Publikum fokussiert, statt konkrete (historische) Vorbilder zu interpretieren. Gerade Riccardo Massi und Maria Agresta (Nr. 3) als Floria Tosca verstanden es fabelhaft, diese Zwiespältigkeit auch in den Rollen auszuleben. Agrestas schlanker, an sich lyrischer Sopran, der verführen kann, fand für den Geliebten Mario die zartesten, zärtlichsten Gesten, konnte jedoch unmittelbar in leidenschaftlicher Unbedachtheit entflammen – die Steigerung wie das bald folgende Bedauern verlieh der Persönlichkeit nicht nur Glaubhaftigkeit, sie verband Liebe, eifersüchtigen Zorn, Berechnung im Affekt – Attribute, die an sich nicht zusammenzugehören scheinen, in solchen Extremsituationen jedoch mit einem mal geradezu als logische Folge auftreten. Wer wollte da nicht mitfühlen?

Ebenso Riccardo Massi, der einerseits »locker« genug war, aber das Spiel absolut nicht »locker« nahm. Auch Mario wird getrieben – nicht von Eifersucht und weniger vom Affekt, sondern von seinen Überzeugungen, also wiederum Leidenschaften, für die er letztlich eine hohe Rechnung zahlt …

Oleksandr Pushniak, mittlerweile festes Ensemblemitglied des Hauses, der schon vor längerer Zeit die Rolle Scarpias von Erwin Schrott übernommen hatte, unterstrich das Dämonische des Polizeichefs mit Gesten, sein teufelsrotes Kostüm trug weiter dazu bei, hinsichtlich der stimmlichen Ambivalenz stand er hinter Agresta und Massi noch ein wenig zurück.

Garanten einer gelungenen Aufführung: Marco Armiliato (Photo: © Johannes Ifkovits), Maria Agresta, Riccardo Massi und Johannes Schaaf (†, Photos: Sächsische Staatsoper)

Neben glänzenden Einzelleistungen auch in kleineren Rollen wie Magnus Piontek als Mesner und Simeon Anwand vom Dresdner Kreuzchor als Hirt überzeugten die Chöre (Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Vorbereitung: Jonathan Becker, Kinderchor der Semperoper Dresden: Claudia Sebastian-Bertsch) nicht nur stimmlich, sondern in den präzisen Abläufen.

Wohl nicht zuletzt, weil Marco Armiliato (Nr. 4) am Pult der Sächsischen Staatskapelle nicht nur ein Händchen für die Musik an sich hatte, sondern auf szenische Details Wert legte. Der Italiener erwies sich als belebender Glücksgriff des Abends, der dem Bühnengeschehen viel Aufmerksamkeit schenkte und auch dort führte. Musikalisch war das sowieso ohne Tadel, wie schon die ersten Töne verrieten, in denen sich – noch eine Ambivalenz – in den scharfen Bögen der Violinen die drohende Gefahr bereits offenbarte.

6. April 2025, Wolfram Quellmalz

Noch an vier Terminen bis Mai: Giacomo Puccini »Tosca«, Semperoper, mit: Marco Armiliato (Musikalische Leitung), Maria Agresta (Tosca), Joseph Calleja (Cavaradossi), Oleksandr Pushniak (Scarpia) und anderen https://www.semperoper.de

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