KlangStromFestival eröffnete mit einem Blick in die Schatzkiste der Vergangenheit
Nach dem Erfolg des Vorjahres kommt es an diesem Wochenende zu einer Neuauflage des von der Dresdner Hofmusik e. V. und der Evangelischen Kirchgemeinde Loschwitz ausgerichteten KlangStromFestivals. Von Konflikten und Streit ablenken, sie in kreative Bahnen ohne Grenzen umzulenken, ist das Ziel der Veranstalter. Über die Barockmusik hinaus stehen Tanz und Bewegung im Mittelpunkt, gibt es Berührungspunkte mit Folkmusik, Jazz und Musik des zwanzigsten Jahrhunderts. Heute findet das Abschlußkonzert statt – wer alle Abendkonzerte an den drei Tagen (insgesamt gab es sechs Veranstaltungen) besuchen wollte, konnte vorab einen Festivalpaß buchen.
Am Freitag hieß es in der Loschwitzer Kirche »Buxtehude-Bruhns-Bach«. Was so simpel klingt, eröffnete einen Zugang zu seltenst gehörter Musik, wie der des legendären Nikolaus (oder Nicolaus) Bruhns. Sein Name ist einer der größten in der Musikgeschichte, indes sind nur (zu) wenige Werke von ihm überliefert.

Das Programm hatte mit Dieterich Buxtehudes Motette »Herr, wenn ich nur dich habe« am Anfang sowie am Ende eine Klammer gefaßt, welche die kostbaren Pretiosen Nicolaus Bruhns enthielt. Über der Ciaccona der Instrumentalisten mit Violinen (Uwe Ulbrich und Hedwig Ohse), Gamben (Gertud Ohse und Benjamin Dressler) sowie der Orgel (Sebastian Knebel) und dem Violone von Tillmann Steinhöfel entfaltete sich der Sopran von Johanna Ihrig bereits hymnisch. Ihre Koloraturverzierungen und stimmlichen Höhenflüge am Ende noch einmal ausklingen zu lassen, war eine schöne Idee!
Doch auch Dorothea Zimmermann (Alt), Benjamin Glaubitz (Tenor) und Martin Schicketanz (Baß) bekamen Gelegenheit zur stimmlichen Entfaltung, denn bald schon folgte eine Kantate von Nicolaus Bruhns. Vom sagenhaften Organisten, Violinvirtuosen und Komponisten erklang zunächst aber das (große) Praeludium in e an der Wegscheider-Orgel. Wiewohl ein modernes Instrument (es kam erst 1997 in die nur drei Jahre zuvor wiederaufgebaute Kirche), orientiert es sich nicht nur im Gehäuse, sondern auch im Klang an der historischen sächsischen Tradition, wohlgemerkt nicht an Silbermann allein. Bruhns‘ Praeludium kam hier einem Tanz der Renaissancemusik nahe! Gleichzeitig war es der erste von vier Auftritten der Tänzerin und Choreographin Katja Erfurth, die sich jedoch weniger auf Tanz im Sinne eine Bewegung durch den Raum als auf die (stehende) Darstellung verschiedener Figuren konzentrierte. Manche der Posen und Handbewegungen wiederholten sich allerdings bald.
Mit Nicolaus Bruhns‘ »Ich liege und schlafe« bewies das im Vorjahr gegründete Dresden Consort um Sebastian Knebel, dessen Mitglieder vor allem aus dem Dresdner Barockorchester stammen, in seiner flexiblen Zusammenstellung farblich-emotionale Darstellungsmöglichkeiten. Später sollte dies noch stärker deutlich werden, denn für »Die Zeit meines Abschieds ist gekommen« spielte das Dresden Consort in reduzierter Aufstellung von oben, was aber auch bedeutete, die Barockinstrumente auf die völlig andere Stimmung der großen Orgel (statt der kleinen Continuo-Orgel im Altarraum) einzurichten. Die vier Solisten verschmolzen dabei ebenso zum ausgewogenen Chor, wie sie, zunächst vor allem Alt und Sopran, führend daraus hervortraten, selbst wenn sie keine expliziten Soli hatten. Der herbe Charme von Dorothea Zimmermanns Stimme nahm dabei zuweilen fast die männlichen Züge eines Altus an – erstaunlich!
Umrahmt wurde die »Meine-Zeit«-Kantate von Toccata und Fuge F-Dur (BWV 540). An sich eine immer wieder erprobte Praxis, war das Aufspalten der beiden Teile diesmal (Geschmackssache?) weniger glücklich, denn der Effekt, die freie, aufstrebende, wirbelnde und fast flammende Toccata mit der »regelgerechten« Fuge zu beruhigen, blieb aus, die Fuge stand ein wenig einsam im Raum.

Die Texte, wiewohl sie Themen wie Tod und Abschied einschlossen und kurze Trauersequenzen enthielten, waren insgesamt froh und aufstrebend. Am schönsten und großartigsten sicher in »Hemmt eure Tränenfluth«, mit dem Nicolaus Bruhns noch einmal ein großer Auftritt gegönnt war. Neben den zuvor bereits mit vielen Anteilen gesegneten Frauenstimmen konnte nun auch Martin Schicketanz seinen melodisch-beschwingten Baß einbringen, Benjamin Glaubitz schien gar beflügelt, vom gleichwertigen Chorpartner zum emotionalen Solisten aufzusteigen.
Bleibt zu wünschen, daß sich das KlangStromFestival neben dem Heinrich Schütz Musikfest und anderen Projekten der Dresdner Hofmusik in den kommenden Jahren als Frühjahrshöhepunkt etabliert. In Zeiten gekürzter Fördergelder ist der Verein dankbar für Unterstützung und hat eine Crowdfunding-Aktion gestartet, an der man sich weiterhin beteiligen kann.
11. Mai 2025, Wolfram Quellmalz
In zwei Wochen beginnt der Loschwitzer Musiksommer, der bis zum 27. September alle zwei Wochen freitags zu Abendvespern einlädt.
https://www.dresdner-hofmusik.de https://loschwitzer-kirche.de/konzerte/