Silberne Weihnachten

Nine Lessons and Carols feiern in der Loschwitzer Kirche Jubiläum

Als Peter Kopp zu Weihnachten 2001 mit seinem Neuen Körnerschen Singverein die ersten Nine Lessons and Carols in der wiedererrichten Kirche Dresden-Loschwitz durchführte, hat er sicher auf großen Zuspruch gehofft und vielleicht an eine mögliche Wiederholung gedacht (die im Jahr darauf auch gleich stattfand), doch wohl kaum, daß er damit mitten in der Sächsischen Residenzstadt eine britische Tradition gründet. Denn am zweiten Weihnachtsfeiertag sowie am Sonnabend fanden die Nine Lessons and Carols bereits zum 25. Mal statt! Nachdem sie bald zweimal aufgeführt werden mußten (nachmittags mit deutschen Texten für die Kinder und Familien, abends ausschließlich in Englisch), findet die Veranstaltung seit Jahren schon gleich dreimal statt – dreimal ausverkauft wohlgemerkt.

Wie es sich für eine Tradition gehört, beharrt sie nicht auf einem starren Bewahren, sondern stellt das Programm aus dem Fundus der möglichen Titel jeweils mit Änderungen zusammen, der Kern bleibt natürlich erhalten, ebenso wie die Beteiligten. Nur deren Name änderte sich: 2008 wurde der Singverein in Vocal Concert Dresden unbekannt. Organist Hansjörg Albrecht, einstmals Kruzianer, leitete zwischenzeitlich (2005 bis 2023) den Münchner Bach-Chor, seit 2023 ist er in vergleichbarer Position als Künstlerischer Leiter des Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chores Hamburg.

Für die Nine Lessons … gilt auch eine englische Sitzordnung in der Loschwitzer Kirche, Photo: NMB

Aus Bachs unendlichen Weiten stammten auch die Präludien, Vor- und Einspiele an der Wegscheider-Orgel, bevor es am Sonnabendnachmittag begann. Zwar unterscheidet sich die kleine Loschwitzer Kirche erheblich vom Ursprungsort der Nine Lessons, der King’s Collage Chapel Cambridge. Was die einmalig längs ausgerichteten Bankreihen (man sitzt sich im Schiff also gegenüber) andeuteten, wurde in der Stimmung, nicht zuletzt durch das enthusiastisch mitwirkende Publikum, spürbar: britisch. Nicht zuletzt lag das an der hervorragenden Verständlichkeit der gesprochenen und gesungenen Englischen Texte ohne störende Akzente.

Wie in England üblich, sang die Gemeinde im Stehen, schon beim Einzug des Vocal Concert Dresden mit dem Hymnus »Once in royal David’s city«. Hymnisch sollte es bleiben, nicht nur des Charakters vieler Lieder wegen, sondern auch wegen der Aufbereitung. So wirkt (ebenfalls seit Jahren) ein Blechbläserquintett mit Musikern aus Staatskapelle, Philharmonie und Staatsoperette mit, welche nicht den Gesang »befeuerten«, sondern darüber hinaus wahrlich glänzende Einleitungen und andere Beiträge leisteten. Überhaupt verband das Programm tiefreligiöse oder andächtige Momente (»Silent night« war als einziges Lied ohne Übersetzung abgedruckt) mit festlich leuchtenden – hymnischen – und populären Titeln wie »Ding dong! merrily on high«. Britisch eben, manchmal bunt leuchtend, dann wieder klar und deutlich auf den Punkt gebracht, wie das »Thanks to be God« (Dank sei Gott), mit dem jede der Lessons schließt (am Wochenende wechselten sich die langjährigen Mitstreiter Dietmar Selunka und Ulrike Birkner-Kettenacker ab).

Kruzianer Gustav Haenchen hatte das erste Solo und sang die erste Strophe beim Einzug, er las auch später eine der Lessons. In der Tat gehörte ein Knabensopran, sicher und tragfähig vorgetragen, zu den Höhepunkten des Nachmittags. Was aber die anderen Solisten und vor allem den agil in den Stimmen wechselnden Chor nicht zurücksetzen soll. Vor einiger Zeit hat Peter Kopp angesichts des Jubiläums des Vocal Concert einmal in Aussicht gestellt, daß man »gemeinsam alt werden« wolle. Davon scheint man noch weit entfernt zu sein, nimmt man die Lebendigkeit, Flexibilität und Leuchtkraft als Maßstab!

Über neunzig Minuten vergingen praktisch unbemerkt und ohne ein Nachlassen von Aufmerksamkeit und Spannung. Auch das ein Zeichen dafür, daß das Format sorgsam gepflegt und erhalten wird, bis zur Aufteilung der gelesenen Lessons mit Texten aus der Genesis und der Weihnachtserzählung nach Luke (Lukas) bzw. Matthew (Matthäus). Während die Rollen von Dekan oder Kanzler des King’s College von anderen übernommen wurden, traten Ulrike Birkner-Kettenacker (Chaplain / Pfarrer) und Peter Kopp (The Director of Musik / Der musikalische Leiter) in die Fußstapfen ihrer Kollegen. Natürlich gehörte auch das englische Vaterunser (The Lord’s prayer) zum Programm, das mit Mendelssohns »Hark! The Herold-angel sing« endete.

28. Dezember 2025, Wolfram Quellmalz

Nächste Termine des Vocal Concert Dresden: Kreuzvesper am 17. Januar, Wandelkonzert im Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden, am 21. März.

VCD

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