Durchstarter mit Feingefühl

Petr Popelka debütiert bei den Berliner Philharmonikern

Kometenhafte Aufstiege gibt es (fast) so viele wie Sternschnuppen im August, doch ob im Sport oder der Musik – viele verglühen alsbald. Wer den Aufstieg oder das Wunderkinddasein überstehen will, muß nicht nur nachhaltig Qualität nachweisen, sondern auch die Umlaufbahn einer Entwicklung finden. Talent allein genügt da nicht, selbst wenn das »in die Wiege gelegte« für den Start sicher hilfreich ist.

Petr Popelkas Weg vom Baß aus der Sächsischen Staatskapelle an die Dirigentenpulte der Welt ist schon ein wenig sagenhaft, fast unheimlich. Daß er bei seinem ehemaligen und bald beim Gewandhausorchester eingeladen wurde, mag als freundschaftliche Geste naheliegen, indes zählen sich beide zur Weltspitze in der klassischen Musik und probieren nicht beliebig neue Talente. Daß die Wiener Symphoniker Petr Popelka binnen kurzem als Chefdirigenten wählten, beeindruckt da schon mehr. Und ob Konzert oder Oper – der gebürtige Tscheche lieferte bisher stets ein formidables Ergebnis ab, ohne sich dabei auf eine bestimmte Nische, etwa Musik tschechischer Komponisten, festzulegen. Der Schlüssel liegt wohl darin, daß Petr Popelka einerseits tief vertraut ist mit der Literatur und entsprechend vorbereitet zu den Orchestern kommt, sich auf der anderen Seite aber die Spontanität und Flexibilität des Augenblicks bewahrt hat. Das zeugt für eine erstaunliche Reife einen 40jährigen Dirigenten, der ursprünglich Orchestermusiker war und erst wenige Jahre Praxis am Pult hinter sich hat.

Petr Popelka (hier am Pult der Sächsischen Staatskapelle, Photo: © Matthia Creutziger

Für die Berliner Philharmoniker war dies aber Grund genug für eine Einladung. Schließlich hat Petr Popelka in der Hauptstadt bereits mehrfach Konzerte und Opern dirigiert – das spricht sich herum. Dennoch ist sein Debüt in diesen Tagen etwas Besonderes. Mögen Sächsische Staatskapelle und Gewandhausorchester unangefochten zu einer Weltspitze gehören, so wird deren Gipfel seit Jahren von drei Orchestern okkupiert, die nichts und niemand über sich akzeptieren müssen – die Berliner gehören dazu.

Ein wenig tschechisch durfte es am Donnerstag doch werden, denn Petr Popelka hatte für seinen Einstand Antonín Dvořáks Symphonische Dichtung »Die Waldtaube« gewählt. Anders als bei den anderen beiden Stücken lag deren letzte Aufführung mit den Berliner Philharmonikern schon länger zurück – 2004 stand sie auf dem Tourneeprogramm von Simon Rattle. Ob der Dirigent hier ein heimatliches Idiom mitbringen wollte, diese Frage war bald obsolet, im Grunde sogleich, denn von Beginn faszinierte Popelka mit seiner Fähigkeit, ein Orchester zu einem Klang zu verleiten – glaubhaft und leidenschaftlich, dabei stets differenziert. So begann die tragische, der Geschichte nach grausige Geschichte (Mord und Suizid) der »Waldtaube« mit dem Trauermarsch im Piano, aus dem sich ein leicht klagender Gesang der Flöten – als seien es menschliche Stimmen – erhob. Die Berliner Philharmoniker illustrierten jedoch nicht das der Dichtung zugrundeliegende Geschehen des Textes von Karel Jaromir Erben, sondern zeichneten die Themen und deren Verarbeitung nach. Schattenhafte Umrisse und der Wandel des Themas zwischen den Streichergruppen sorgte für Gänsehautmomente!

So fein und durchsichtig sollte es im Konzert für Violine und Orchester »Dem Andenken eines Engels« von Alban Berg bleiben. Es gibt wohl kaum ein Stück Zwölftonmusik, das derart bezaubernd ist – mit Gil Shaham im Dialog mit den Berliner Philharmonikern fand dies noch eine Steigerung und Verfeinerung, gerade wegen der Kontraste zwischen Solovioline und beispielsweise Blechbläsern, die aber weich und geschmeidig nie schneidend wurden. Vor allem berührten der innige Austausch und der geschlossene Eindruck – Petr Popelka vereinigte Gil Shaham, Orchestersolisten und die Gesamtheit der Philharmoniker in einem luziden Klanggewebe, dessen filigrane Struktur stets hörbar blieb.

Nach soviel zumindest den Vorlagen und der Herkunft nach enthaltener Tragik (Bergs Konzert ist der verstorbenen Manon Gropius gewidmet) spendierte Gil Shaham gleich zwei belebende und ungewöhnliche Zugaben. Sätze aus Bachs Partiten wählen Violinisten wie Cellisten zwar gern, aber oftmals dieselben. Mit Tempo di borea und Double aus der Partita h-Moll (BWV 1002) zeigte sich Gil Shaham großzügig und virtuos, aber ebenso (und passend zum Nachklang des Violinkonzerts) feinfühlig.

Wem jetzt nach einer Erfrischung war, der hätte auf die Pause glatt verzichten können, denn Petr Popelka gelang mit Robert Schumann erster Sinfonie (»Frühlingssymphonie«) eine solche. Schon der Kontrast zwischen hellen Blechbläsern und den dunkel antwortenden, satten Streichern sorgte für eine enorme, aber nicht strapaziöse Spannung. Sowenig wie der Dirigent bei Dvořák das Böhmische betont hatte, verbrauchte er die Steigerungen oder Betonungen bei Schumann nicht. Die Sinfonie blieb differenziert, ließ im ersten Satz den Frühling dräuen, das Larghetto fußte auf einer Gelassenheit, der Petr Popelka die billige Verträumtheit versagte – die Spannung hielt. Wohl nicht nur, weil der Dirigent konkrete Vorstellungen hat, wie ein Werk klingen soll, sondern weil er ebenso annehmen kann, was ein Orchester ihm bietet. Bleibt abzuwarten, wann ihn die Berliner wieder einladen.

9. Januar 2026, Wolfram Quellmalz

Das Konzert wurde am Sonnabend in der Digital concert hall übertragen und ist dort im Archiv nachhörbar.

Hinterlasse einen Kommentar